Archive for June, 2006

Informationsfreiheitsgesetz: Der Amtsschimmel lahmt

Friday, June 30th, 2006

Seit einem halben Jahr ist das Informationsfreiheitsgesetz (IFG) nun in Kraft, aber die Behörden sind von der neuen Transparenz offenbar noch weit entfernt: Bis Mai gingen bei den Bundesministerien rund 350 Anträge ein. Gleichzeitig berichtet der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar, der in Personalunion IFG-Obmann ist, dass er bereits 120 schriftliche Beschwerden von Antragstellern erhalten habe. Die größten Probleme gibt es laut Schaar, weil die Ämter Auskünfte und Kopien unter Berufung auf den Schutz von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen verweigern. Auch das Argument, Unterlagen dürften nicht freigegeben werden, weil mit Dritten Vertraulichkeit vereinbart worden sei, wird häufig als Ablehnungsgrund angeführt. Während der Bundesinformationsfreiheitsbeauftragte weniger Beschwerden zu überzogenen Gebühren erhalten hat, als sich zu Jahresanfang abzeichnete, spielt vermehrt eine Rolle, dass die Behörden die Antwortfrist verstreichen lassen und gar nicht auf IFG-Anträge reagieren.

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Varianz der Zensur bei google.cn

Thursday, June 29th, 2006

Mal nur ein für dieses Blog kurzer Eintrag.

Neulich habe ich in der google Bildersuche nach „Tiananmen“ also dem „Platz des himmlischen Friedens“ in Peking gesucht. Und zwar zweimal: Einmal bei google.com und einmal bei google.cn und bekam ein Ergebnis, das dem heutigen sehr ähnlich ist.
Wer jetzt nicht hinklicken will: Das sind Chinesen, die für Urlaubsfotos auf dem Platz posieren.
Ganz anders aber das Ergebnis bei google.com: Hier finden sich nur zwei Bilder, die nicht auf die Demonstrationen und deren blutige Niederschlagung verweisen.

Wie auch immer, als ich das am Dienstag in Hamburg auf einem Seminar zeigen wollte, war ich froh dass ich screenshots aus der Woche davor bei mir hatte - denn auf einmal fanden sich auch auf der google.cn Seite ein paar Panzer zwischen den Touri-Bildern.

Nun hat zwar zeitgleich die chinesische Führung verkündet, in Krisenzeiten die Zensur zu verschärfen, aber zugleich nicht gesagt, dass derzeit keine Krise sei und man deshalb die Zensur lockere … Möglich ist ja auch, dass Anfragen auf google.con von außerhalb Chinas zumindest versuchsweise andere Ergebnisse bekommen?

Fragen über Fragen… Also heute ist die Welt wieder in Ordnung, kein Panzer weit und breit auf google.cn und 18 auf google.cn (jeweils nur erste Seite). Hier also der google-Zensur Index für China. Stand gerade: 0/18.

Der erste Panzer auf google.cn ist übrigens auf Seite 4 der Trefferliste …

US-Regierungsinfos suchen mit Google

Tuesday, June 27th, 2006

Ich kannte Googles US Government Search bisher noch nicht, obwohl es den Dienst schon seit längerem unter dem Namen Google Uncle Sam gab. Nun hat ihn Google kräftig renoviert, um FirstGov Parioli zu bieten, das von MSN Search und Vivisimo unterstützt wird. Beide Sites sind Suchportale, die ausschließlich Treffer auf Seiten der US-Regierung finden - was ja sehr nützlich sein kann, denn diese Einschränkung selbst hinzubekommen, ist ohne vergleichbaren Aufwand unmöglich.Ich habe mit keinem der beiden Angebote Erfahrung und gerade keine Zeit zum Testen, daher wie immer: Kommentare willkommen! Details zu Googles neuem Angebot gibt’s bei Google selbst; eine längere Analyse zu FirstGov der Fachbuchautorin Peggy Garvin gibt’s bei LLRX.com (Englisch).

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Kostenlos aber nicht umsonst: Was Profidatenbanken auch ohne Bezahlung hergeben

Thursday, June 22nd, 2006

Nein, keine Tricks, um an der Kasse vorbeizugehen. Aber es gibt sehr viele Fälle in denen eine Trefferliste schon die wichtigsten Informaitonen enthält und im Rahmen einer Recherche genutzt werden kann. Am Beispiel der größten kommerziellen deutschen Datenbank will ich ein paar Beispiele nennen (die die vergangenes Jahr mit der zweitgrößten fusionierte; hier aber nicht namentlich genannt wird, damit sie nicht auf die Idee kommt, Geld für die Trefferlisten zu kassieren ;-)):

a) Wo stand das nochmal? Also neulich, stand doch im Spiegel diese kleine Notiz über XX, Spiegel online hat’s nicht und eigentlich muss man nun ans Zeitungsregal und blättern. Das ist müssig und die Gefahr, die Seite zu überblättern nicht gering. Daher ein Zwischenschritt: Die Volltextsuche im eigenen Zeitschriftenregal. Der Trefferliste entnehmen wir dann Ausgabe (Nr. und Datum) sowie die Seitenzahl und greifen uns gezielt den gewünschten Artikel aus dem Regal.

b) Für Anfragen beim Handelsregister empfiehlt es sich, beim richtigen Gericht zu fragen und wenn man schon die Handelsregisternummer hat, geht’s schneller. Auch hier helfen einschlägige Datenbanken und liefern diese Informationen schon in der Trefferliste.

c) Richtig spannend wird es, wenn man sich die Spezialdatenbanken und deren Suchoptionen anschaut. Anders als bei der Volltextsuche kann man hier im Rahmen der vorgegebenen Suchoptionen tatsächlich Informationen zusammenstellen, die per Volltextsuche per se nicht zu finden sind - die Zusammenstellung erfolgt ja erst auf die Sucheingabe hin.

Ein Beispiel, die Firmendatenbank bedirect erlaubt es, Firmen nach Umsatz, Mitarbeiterzahl, Branche, Gründungsjahr, Postleitzahl etc. zu suchen. Ein paar Anwendungsideen machen deutlich, welche Goldgrube das für Journalisten ist:

  • Welche Unternehmen in unserer Stadt wurden zwischen 1933 und 1945 gegründet?

  • Welche Unternehmen in meiner Region haben weniger als 5 oder 10 Mitarbeiter und sollten sich demnachnicht nur freuen sondern auch Jobs schaffen, wenn der Kündigungsschutz gelockert wird?

  • Welche Unternehmen haben im nächsten Jahr ein Firmenjubiläum?

  • Wo gibt es Zulieferer der Automobilindustrie in unserer Region?

Alles Fragen, bei denen schon die Trefferliste hilft - denn die Firmen selbst stehen im Telefonbuch oder sind im Netz zu finden.

d) Für ausführliche Personenrecherchen lohnt es auch, auf gut Glück einmal zu schauen, wo die Person noch auftaucht. Natürlich funktioniert es nicht, wenn man „Peter Müller“ sucht, denn ob der saarländische Ministerpräsident tatsächlich hinter einem der 2355 Treffer im Handelsregister steckt, lässt sich so nicht klären. Bei selteneren Namen wird es allerdings spannender (Beispiel folgt ggf. nach Abschluß der Recherche).

Die Liste dieser Ideen läßt sich fortsetzen, posted Eure Anregungen!

Fußballnetzwerke

Monday, June 19th, 2006

Ein sehr zeitgemäßer Beitrag kommt gerade von Haiko Lietz, Lesern von Journalismus & Recherche bekannt als Referent auf der CAR-Tagung in Hamburg zum Thema Social Network Analysis:

Netzwerkanalyse ist eine journalistische Recherchemethode, die in der Mathematik und Soziologie beheimatet ist. Während die Methode im US-Journalismus bereits anfangsweise angewendet wird, wird in Deutschland meist noch über wissenschaftliche Netzwerkanalysen berichtet. Zwei aktuelle Berichte drehen sich um Fußball. Für die österreichischen Analysten von FAS research, deren Website immer einen Besuch wert ist, gehört die Analyse von Fußballspielen zur Öffentlichkeitsarbeit. Sie erhalten ihre Forschungsgelder von der Wirtschaft und dem Staat. Zum Spiel Argentinien gegen Elfenbeinküste fanden sie heraus:

Da wie dort fand sich eine klassische Spitze (Crespo bzw. Drogba) und eine hängende Spitze (Saviola bzw. Kalou), die stärker in die reziproken Spielaktionen aus dem Mittelfeld heraus eingebunden war und den letzten, entscheidenden Pass spielen sollte.“

Außerdem sei das Spiel der Argentinier robuster gewesen. Genaueres steht im österreichischen Standard. Im März bereits hatte das Handelsblatt unter dem Titel „Anpfiff zum Milliardenspiel“ über die Netzwerkanalyse des internationalen Fußballprofimarktes berichtet. Lothar Krempel vom Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung kann in einem einzigen Graphen klarmachen, welche Länder ihre Nationalspieler eher im Ausland oder im Inland spielen hat. Die Netzwerkanalyse ist eine neue Perspektive für den recherchierenden Journalismus.

Google – die Macht einer Suchmaschine

Tuesday, June 13th, 2006

Ein Film von Julia Salden (Redaktion ZAPP), ausgestrahlt vom NDR am 07.06.2006: „Google – die Macht einer Suchmaschine : Der erste deutsche Film über den amerikanischen Internet-Giganten“.

Das Sendemanuskript (PDF) und auch das Video können vom Server des NDR geladen werden.

[AUde]

Dirk Lewandowski bloggt

Monday, June 12th, 2006

Oder wie man das Verb auch immer schreibt… Jedenfalls hat der Düsseldorfer Forscher, der das ausgezeichnete Buch „Web Information Retrieval“ geschrieben hat (das übrigens kostenlos zu lesen ist), nun ein eigenes Weblog. Da steht viel Technisches drin, aber für die Freunde der Online-Recherche wird sich das Blog bestimmt zu einem Muss entwickeln: Suchmaschinenforschung - Kommentare und Einschätzungen von Dirk Lewandowski. Von nun auch hier in der Blogroll.

Kostenlose Infos zu Unternehmensbeteiligungen in den USA – Hinweise erbeten!

Saturday, June 10th, 2006

Recherche-Info.de’s own Albrecht Ude fragt über die Mailingliste:

Moin,

del.icio.us vermeldet als Kontaktadresse:
del.icio.us c/o Yahoo! Inc.
701 First Ave
Sunnyvale, CA 94089

Kann mir jemand einen Tipp geben, wo ich herausfinden kann, in welcher Beziehung del.icio.us zu Yahoo steht?

Ferner: Gibt es (frei nutzbare) Datenbanken ueber Firmenbeteiligungen, in denen sich nachschauen laesst, woran Yahoo, Cisco, Google und Microsoft beteiligt sind?

Dank voraus,
& Gruesse,

Albrecht

Ohne altklug sein zu wollen, ist meine Antwort: danach kann man suchen. Und ich finde es sinnvoll, meine Suche hier zu beschreiben, damit andere entweder was davon haben, sie als unpassend abhaken, verbessern oder ergänzen können. Selbstverständlich ist damit nicht gemeint, dass eine Frage an gut informierte Kollegen nicht die richtige Herangehensweise ist; im Gegenteil. Aber ich konnte die Frage auf Anhieb nicht beantworten. (more…)

Der Programmierer als Journalist - Interview mit Adrian Holovaty, Washingtonpost.com

Saturday, June 10th, 2006

Alle glauben sich im Klaren darüber, wie man Journalismus als Schreiber oder Fotograf betreibt. Aber was tut der Programmierer als Journalist? Ein Interview des Online Journalism Review mit dem Web-Guru von Washingtonpost.com, Adrian Holovaty.

Graphische Visualisierung von Websitespages

Wednesday, June 7th, 2006

Das Weblog „Aharef - Das Link-Salz in der Web-Suppe“ offeriert einen attraktiven, alternativen Blick auf Webpages: Ein Java-Applet untersucht den Quellcode und zeigt die Link-Struktur einer Webseite als hübsches Farbbild an, wobei die unterschiedlichen Tags als farbige Punkte gezeigt werden. Beispiel hier: Recherche-info.de
Vorschau: recherche-info.de als graphische Darstellung (klick = groß)

Weitere Beispiele dafür findet man unter dem Flickr-Tag websitesasgraphs, bei Digg gibt es zwei Diskussionsgruppen: Visualizing_the_DOM_Structure_of_Websites und Artist_sells_numbers_as_paintings_on_the_web.

Ich halte das ganze für ein nettes Gimmick, das die Komplexität einer Seite sichtbar macht. Wo aber (vom Spaßfaktor abgesehen) ein echter Nutzen steckt, darüber muss ich noch meditieren. Vorschläge?

PS: Der Service wird Websites as Graphs genannt, aber es handelt sich stets nur um die Abbildung einer einzelnen Webpage (man kann statische URLs ansteuern). Informationen über Websites liefern die Abbildungen nicht; zwischen internen und externen Verlinkungen wird nicht unterschieden (schade!).

Erläuterung zu den Farben:
Blau: Verlinkungen (Tags: a)
Rot: Tabellen (Tags: table, tr, td)
Grün: Division (Tags: div)
Violett: Bilder (Tags: img)
Gelb: Formulare (Tags: form, input, textarea, select, option)
Orange: Absätze, Zeilenwechsel und Blockzitate (Tags: p, br, blockquote)
Schwarz: Das HTML-Tag, Start der Untersuchung (Tags: html)
Grau: alle anderen Tags

Direkt neben dem schwarzen Punkt findet sich bei vielen Bildern eine konzentrische Anhäufung grauer Punkte, die an die Dolde einer Pusteblume erinnert. Dabei handelt es sich um die Tags im HTML-Header.

PPS: Der Quellcode des Applets ist veröffentlicht. Damit der Service funktioniert, muss das Java Runtime Environment nutzerseitig laufen.