Archive for September, 2009

Was ist „reich“ für einen FAZ-Autor?

Monday, September 21st, 2009

Seit es den Zeitungsverlagen schlecht geht (oder sollte man sagen: seit sie nicht mehr die Monopolrenditen der Vergangenheit verdienen), bekommt man auch bei Air Berlin die FAZ (der SZ geht es offenbar noch nicht schlecht genug…). Das ist natürlich eine erhebliche Verbesserung gegenüber dem Zustand, nur den Focus, die Gala und die Welt Kompakt angeboten zu bekommen (das ist der Rest der Auswahl). Außerdem bekommt man so die Chance, die Qualität der einstmals „besten Tageszeitung der Welt“ (war in den 90ern Mal Eigenwerbung aufgrund irgendeiner Umfrage) zu überprüfen.

In der heutigen Ausgabe findet sich ein Portrait des Kochs und Unternehmers Daniel Boulud, geschrieben von Roland Lindner. Die Überschrift lautet: „Restaurants machen nicht reich“, und im Text wird Boulud zitiert mit der Aussage: „Die Leute denken immer, nur weil man ein Restaurant hat, hat man auch viel Geld. In Wirklichkeit investieren wir den größten Teil des Gewinns wieder ins Geschäft.“ Sehen wir mal davon ab, dass ich nie dachte, wer ein Restaurant hat, sei reich. Höchstens: Wer ein Imperium von zehn Luxusrestaurants in New York City, Vancouver, Paris, Palm Beach, Las Vegas und Peking hat, ist mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht wirklich arm. Aber es geht ja nicht um einen Eindruck, sondern das, was im Artikel steht:

Dinex (Bouluds Unternehmen) beschäftigt 900 Mitarbeiter, den Umsatz beziffert Boulud auf „zwischen 50 und 100 Millionen Dollar.“

Etwas weiter hinten:

Generell nimmt sich Boulud bei seinen Restaurants vor, dass 8 bis 12 Prozent vom Umsatz als Gewinn übrig bleiben.

Boulud hält die Hälfte der Anteile an Dinex, den Rest teilen sich zwei Partner.

Das bedeutet also, dass beim schlechtesten Szenario (50 Mio. Dollar Umsatz, 8 Prozent Gewinn) 4 Millionen Dollar übrig bleiben, von denen die Hälfte Boulud gehören. Jährlich. Beim optimistischsten Szenario sind es 6 Millionen Dollar (die Hälfte von 12% von 100 Mio. Dollar).

Ein so schlechter Geschäftsmann, dass die Aussage: „Wir investieren den Gewinn“ bedeutet, dass Boulud keine Abschreibungen geltend machen kann, wird der Herr über 900 Angestellte wohl nicht sein. Aber nehmen wir mal an, dass er dadurch netto noch einmal die Hälfte seines Gewinns „verliert“ – dann bleibt ihm ein Gewinn von 1 bis 3 Millionen US-Dollar im Jahr. Darauf hätte Herr Lindner, Betriebswirt und Wirtschaftskorrespondent der FAZ in New York, auch selbst kommen können (finde ich).

Es kann natürlich sein, dass derartige Einkünfte für festangestellte FAZ-Redakteure noch lange nicht bedeuten, jemand sei reich. Die Grenzen verschieben sich beständig in einer Welt, in der die FAZ freien Autoren 1,20 Euro pro gedruckter Zeile bezahlt. Aber muss man dann gleich die Überschrift daraus machen?

Der Schavan-Plan zur Atomkraft

Wednesday, September 16th, 2009

Wie geht man eigentlich mit so etwas um, wenn man mehr Zeit hat? Ich habe gerade keine, aber ein Bekannter hat mir eben die ominöse Studie aus Schavans Forschungsministerium zugeschickt, die Schavan angeblich zurückhält.

Ich sage mir: Wenn ich die schon per Email bekomme, steht sie bestimmt sowieso schon im Netz, wird hoch und runtergetwittert und über Plattformen wie Slideshare verbreitet. Und ein PDF-Dokument, das mit „Zum vertraulichen Gebrauch“ gestempelt ist, das muss man doch einfach weiterverbreiten, Urheberrecht hin oder her.

Also, hier ist es, das „Konzept für ein integriertes Energieforschungsprogramm für Deutschland“. Mit den brisanten Stellen, die die Atompolitik-Pläne Schavans und einer CDU-geführten Regierung ohne bremsenden Koalitionspartner offenbaren.

Beispielhafte Überwachung

Monday, September 14th, 2009

116 fest installierte Überwachungskameras stehen entlang der Route der Anti-Überwachungs-Demonstration „Freiheit statt Angst“. Zumindest habe ich so viele gefunden, als ich am Donnerstag vergangener Woche für die taz die Strecke abgelaufen bin. Auf taz.de haben wir in einen Artikel eine Karte von Google Maps eingebunden, auf der alle 116 Kamerastandorte verzeichnet waren. Außerdem hatte ich auch alle Kameras fotografiert und die Fotos auf einer Karte von Panoramio eingefügt - auch diese Seite war von dem Artikel aus verlinkt.

116-kameras

Das Ablaufen der Route und das Übertragen der Daten auf die beiden Online-Dienste nahm einen Arbeitstag für eine Person in Anspruch. Hinzu kam noch die zusätzliche Recherche. So stellten wir drei Kameratypen an drei Beispieln vor: Verkehrsüberwachungskamera am Potsdamer Platz, Museumskamera vor dem Deutschen Guggenheim, Behördenkamera vor dem Auswärtigen Amt. Dabei erläuterten wir jeweils: Was ist der Zweck der Kameraüberwachung? Werden die Bilder auch gespeichert? Falls ja: Für wie lange? Allein die Deutsche Bank, die die Kamera an dem Museum betreibt, wollte nicht antworten, ob die Bilder gespeichert werden: „Zu sicherheitstechnischen Fragen können wir generell keine Angaben machen“, meinte ein Banksprecher. Jetzt läuft ein Auskunftsantrag nach § 34 des Bundesdatenschutzgesetzes. (more…)

Falschmeldung aufgrund mangelnder Quellenprüfung

Saturday, September 12th, 2009

Über eine Falschmeldung der dpa berichten BildBlog und Meedia. Angeblich hatte es am 10.09.09 um 08:00 MESZ in Bluewater, Kalifornien, einen Selbstmordanschlag gegeben. Einige Online-Medien übernahmen den Hoax. Bemerkenswert ist, dass die via Netz verfügbaren „Quellen“ (im Web, auf Youtube und Twitter) augenscheinlich nicht auf Echtheit geprüft wurden.
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