Das Zwei-Quellen-Missverständnis

Nachwort zur Factchecking-Konferenz des netzwerk recherche beim Spiegel (27./28.3.)

Vorab: Es war eine der besten Veranstaltungen des netzwerk recherche – selten geht es dort so sach- und handwerksbezogen zu wie am vergangenen Wochenende auf der Factchecking –Tagung im Spiegel-Hochhaus.

Das mit dem Zwei-Quellen-Prinzip haben die Journalisten hierzulande noch nicht so recht verstanden – von den Journalisten, die diese Regel kennen, meinen die meisten, es genüge, wenn man den zu belegenden Fakt in zwei anderen Medienquellen gefunden habe. Ich habe schon einmal gezeigt, dass das selbst bei so einfachen Fragen wie der Entfernung zwischen zwei Städten zu katastrophalen Fehlern führt, die sich dann aber gleich in allen Medien finden - auch in solchen, die man ansonsten gerne als Qualitätsprodukte lobt. Dokumentare vom Spiegel zeigten am Wochenende ein weiteres Beispiel dieses vermutlich täglich in jeder deutschen Zeitung zu findenden Fehlers: Kaffee sei, so liest man oft, „der nach Erdöl am zwei häufigsten gehandelte Rohstoff der Welt“. Zum Abschreiben gibt es viele, vermeintlich gute Quellen – allein es stimmt bei weitem nicht.

Auch die Denke der Nachrichtenredakteure, die eine zweite Agentur abwarten, bevor sie eine Meldung übernehmen, führt zu Fehlern. Nämlich dann, wenn beide Agenturen auf dieselbe Quellen zurückgreifen, etwa einen Politiker, der Unsinn erzählt. Die Zwei-Quellen-Regel spricht nämlich von zwei voneinander unabhängigen Quellen. Die Regel kann demnach nur für Ereignisse gelten, bei denen man weiß oder zumindest davon ausgehen darf, dass beide Agenturen einen Reporter haben und diese beiden nicht auf dieselbe gemeinsame Quelle zurückgreifen.
Über weite Strecken scheint es daher gängig zu sein, vermeintliche Fakten aus zwei, möglichst anerkannten Medien zu übernehmen. Doch das ist bestenfalls unter großem Zeitdruck noch eine zu akzeptierende Vorgehensweise – die Gefahr, sich dennoch lächerlich zu machen, ist groß.

Wie weit verbreitet diese Praxis ist, zeigen zwei Beispiele:

So berief sich ein großer deutscher Rechercheur, als ihm Fehler in seinem Bestseller nachgewiesen wurden, darauf, dass er diese „Fakten“ aus anerkannten deutschen Medien wie der Bild (!), der FAZ und anderen abgeschrieben „übernommen“ habe und diese ihre Berichte nicht korrigiert hätten (was m.E. kein Kriterium für den Wahrheitsgehalt ist und auch nur schwer abschließend recherchiert werden kann).

Als ich hier darauf hingewiesen habe, dass auch anerkannte Medien gerne mal Quatsch aus Meldungen oder Vorab-Meldungen gedankenlos übernehmen, teilte mir der zuständige Chefredakteur (der netterweise antwortete) mit, er verstehe meine Kritik nicht, da man die Meldung doch richtig wiedergegeben habe. (Es sei doch richtig, dass die genannte Regionalzeitung das Wiedergegebene geschrieben habe.) Dass die Meldung in sich nicht stimmen konnte, widersprüchlich war, störte ihn offensichtlich nicht.

Nur aus dieser Haltung erklärt sich, dass falsche Zahlen zur HartzIV-Lohnabstandsdebatte lange kursierten mit Hinweis auf die seriöse Quelle FAZ.
Einfacher und dank des Internets oft auch schnell zu erledigen wäre es, eine gute, vielleicht sogar eine privilegierte Quelle zu einer Frage zu finden. Das wird zu selten versucht gemacht.
Bildblog hat sich die richtigen Zahlen von der Bundesagentur für Arbeit bestätigen lassen. Genau das ist der Weg. So nah ran an eine Primärquellen wie möglich und dann lieber mit nur einer Quelle, die man im Zweifel benennt, als mit mehreren gleichermaßen falschen.

Entsprechend anders wird das Zwei-Quellen-Prinzip auch im angeslächsischen Journalismus gehandhabt (exemplarisch siehe z.B. „The Essentials of Reuters Sourcing“).

Das Interesse am fact-checking ist erstaunlich groß – oder ist das gerade deshalb so, weil es so vielen so fremd ist?!

53 Responses to “Das Zwei-Quellen-Missverständnis”

  1. Daniel Says:

    Eine Quelle reicht meistens leider. Die wird von allen aufgeschnappt und schon nimmt die (Falsch-)Meldung ihren lauf. Traurig, aber jeder möchte der erste sein, der den „Skandal“ veröffentlicht.

  2. Jaqueline Says:

    Sehr interessant mal so ausführlich zu lesen was es mit diesem Zwei-Quellen-Prinzip auf sich hat. Ich hab mich schon immer gefragt wie es sein kann, dass es so oft Falschmeldungen gibt. Erstmal in Umlauf gibt es dann wohl eine Kettenreaktion.

  3. Marcus Lindemann Says:

    Mein Lieblingsbeispiel für eine Kettreaktion - hier wurde dann aus einer Glosse Wahrheit - überall abgeschrieben inkl. Stern und Zeitmagazin:
    http://www.netzwerkrecherche.de/files/leidenschaft-recherche-2aufl.pdf
    (ab Seite 223).

  4. Walter Says:

    @Jaquline: Ich denke auch, dass es nach dem Schneeballprinzip abläuft. Einmal ausgelöst gibt es kein halten mehr. Und im Internet wird sofort veröffentlicht. Ich denke früher im TV, wurde noch vielmehr geprüft und geschaut ob alles stimmt.

  5. Elisa Says:

    Ich wusste bis dato auch nicht so genau, was es mit dem zwei-Quellen-Prinzip auf sich hat. Aber jetzt erklärt sich natürlich einiges. Man sollte nie auf die Aussagen anderer Vertrauen und lieber noch einmal woanders nachhören um auf Nummer sicher zu gehen.

  6. Martin Heinze Says:

    @Elisa: immer eine zweite Aussage einholen, bevor man es in aller Welt veröffentlicht. Das ist halt was anderes: ein Gerücht im kleinen Dorf oder eine falsche Nachricht, die um die Welt geht.

  7. Journalistendeutsch, Teil 6 « Medienpraxis Says:

    […] Zwei-Quellen-Regel: Wichtige Nachrichten und Ereignisse sollten durch stets zwei - voneinander unabhängige! - Quellen belegt sein. Der Ursprung des obersten Prinzips journalistischer Recherche und Sorgfalt wird der BBC zugeschrieben. Die Zwei-Quellen-Regel ist mittlerweile in vielen Statuten von Nachrichtenagenturen, Rundfunksendern etc. verankert – wird im Eifer des Gefechts aber immer wieder mal vergessen oder falsch verstanden. […]

  8. Alexander Says:

    Eigentlich traurig das Ganze. Man sollte sich doch auf (eigentlich) sriöse Nachrichtenquellen verlassen können.

  9. Lis Says:

    @Alex: Dies implizierte aber, dass seriöse Nachrichtenquellen stets objektiv und unverfälscht recherchieren und übermitteln. Das beste Beispiel, dass dies nicht so ist, ist doch die derzeitige Diskussion über Energiesparlampen, die wohl doch nicht so umweltfreundlich sind, wie auch von seriösen Nachrichtenagenturen publiziert wurde, sondern häufig giftiges Quecksilber enthalten, das als Giftmüll sonderdeponiert werden muss. Letztlich wurde hier nur nachgeplappert, was die Industrie vorgab.

  10. Heike Says:

    @Alexander: Es gibt keine seriöse Nachrichtenquelle. Irgendjemand hat dort immer seine Finger im Spiel und steuert seine Interessen. Mal mehr, mal weniger… alles andere ist Illusion.

  11. Marcus Lindemann Says:

    @Heike: Natürlich gibt es seriöse Quellen und auch seriöse Nachrichtenquellen! Letztere zeichnen sich zum Beispiel durch einen vernünftigen Umgang mit der Zwei-Quellen-Regel hast. Recht hast Du nur insofern, wenn Du darauf abhebst, dass es so etwas wie eine unmittelbare „Wahrheit“ nicht gibt, weil ja immer etwas zwischen uns und der Wirklichkeit steht - und sei es nur unsere eigene Wahrnehmung.

  12. Steve Says:

    @Alexander: Was wirklich seriös ist liegt auch immer im Auge des Betrachters. Am aktuellen Beispiel der Libyen Krise sieht man das mal wieder ganz deutlich. Da möchte ich jetzt nicht ins Detail gehen aber man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass arabische Medien darüber anders berichten als westliche. Und wie Marcus schon schreibt, die Wahrheit ist meist irgendwo dazwischen.

    Ich persönlich habe schon lange aufgehört mich darauf zu verlassen was uns die Medien verkaufen wollen und lasse einfach öfter mal den gesunden Meschenverstand walten.

  13. Schallmauer Says:

    @Steve: Ein direkter Vergleich zwischen der Nachrichtenlage in Arabien und Europa zum Thema Lybien wäre wirklich interessant!

  14. schizandrol a Says:

    mich darauf zu verlassen was uns die Medien verkaufen wollen und lasse einfach öfter mal den gesunden Meschenverstand walten.

  15. McRipstik Says:

    @Alexander: Ja das finde ich auch sehr traurig. Leider kann mans offenbar nicht wirklich ändern. Da hilft tatsächlich nur noch der gesunde Menschenverstand, die eigene Meinungsbildung und möglichst viele Informationsquellen, die man gegeneinander abwägen kann.

  16. Packman Says:

    @McRipstik: Das machen leider Gottes nur die wenigsten.

  17. Pappeimer Says:

    Traurig, aber wahr.

  18. Claudia69 Says:

    @steve: da muss ich dir vollkommen Recht geben. Was Wahrheit ist und was nicht liegt immer im Auge des Betrachters.

  19. Tolles Schlafsofa Says:

    Auf die Massenmedien darf man sowieso nicht vertrauen… Und irgendwie musste ich bei deinen Ausführungen an die „stille Post“ denken… Hat meiner Meinung nach ein bisschen was davon, nur dass der fünfte oder sechte dann irgendwann sein „Wissen“ in gedruckter Form unverändert an die anderen weitergibt… Ein schönes Beispiel finde ich übrigens die „Spinat-Eisen-Geschichte“ mit dem verschobenen Komma, das über Jahrzenhte (!) beibehalten wurde.

  20. Bantningsmetoder Says:

    Eigentlich traurig das Ganze. Man sollte sich doch auf (eigentlich) sriöse Nachrichtenquellen verlassen können.

  21. Magic Mesh Says:

    Über weite Strecken scheint es daher gängig zu sein, vermeintliche Fakten aus zwei

  22. Andi Says:

    Eigentlich traurig das Ganze. Man sollte sich doch auf (eigentlich) seriöse Nachrichtenquellen verlassen können.

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