Archive for the ‘analytische Recherche’ Category

Lieber Herr Müller von Blumencron

Saturday, October 17th, 2015

Lieber Herr Müller von Blumencron,

dass ich die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), im Netz unter faz.net, nicht oft aufrufe, versteht jeder, der meine politsche Haltung und die der FAZ kennt. Ausnahmen mache ich lediglich für das Feuilleton. Aber manchmal tauchen FAZ-Artikel in Pressespiegeln auf, d.h. Andere weisen mich auf wichtige Artikel hin. Und dann klicke auch ich zuweilen auf Faz.net.

So heute. Ehe ich den Artikel zu Gesicht bekomme, erscheint darüber ein Anschreiben von Ihnen. Es lautet:

Liebe Leserin, lieber Leser,

wir freuen uns, dass Sie FAZ.NET nutzen. Jeden Tag arbeitet unsere Redaktion die wichtigsten Ereignisse für sie auf, berichtet, analysiert, kommentiert. Viele dutzend Kollegen sorgen dafür, dass Sie sich rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, auf unserer Webseite verlässlich über den Gang der Welt informieren können. Und das alles kostenlos.

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Ihr Mathias Müller von Blumencron, Chefredakteur Digitale Produkte

Stimmt, bei mir läuft ein Adblocker namens Noscript. Den empfehle ich Ihren Lesern sehr nachdrücklich, denn er leistet sehr gute Arbeit für meine Sicherheit.

Aber ich möchte auch auf Ihre Frage antworten. Ihr Schreiben ist so nett. Ob es stimmt, dass ich mich „rund um die Uhr, sieben Tage die Woche,“ auf Ihrer Webseite „verlässlich über den Gang der Welt informieren“ kann, nun, dass ist vielleicht eine andere Diskussion.

Sie schreiben „Auf unserer Webseite finden Sie in der Regel keine Pop-Ups, Layer oder ähnliche aggressive Werbeformen, sondern meist klassische Anzeigen.“ Geben Sie doch mal Butter bei de Fisch: Streichen Sie das „in der Regel“ und das „meist“, die Ihre Aussagen verschwiemeln. Nüchtern sagen Sie ja nur, dass sie „Pop-Ups, Layer oder ähnliche aggressive Werbeformen“ eben doch einsetzen, nur eben „in der Regel“ nicht, was immer Ihre Regeln dabei sein mögen. Die des Marktes, mutmaße ich mal. Der Markt ist aber nicht mein Freund.

Aber ins Detail: Das oben erwähnte Firefox-Zusatzprogramm Noscript verhindert, dass Server auf meinem Rechner Programmcode (z.B. die Darstellung von Anzeigen, aber auch von schädlichem Code) ausführen, die ich gar nicht ansurfe. Deutlicher: Wenn ich Faz.net aufrufe, darf Faz.net an meinen Browser Code liefern, überlicherweise eine Webseite. Das ist völlig in Ordnung, denn ich habe Ihre Seite ja aufgerufen. Meine Entscheidung, mein Risiko.

Alle anderen Server dürfen mir, quasi Huckapack via Faz.net, nichts ausliefern. Hab ich nicht bestellt. Dass Ihre Anzeigenabteilung dann Schluckauf bekommt, ist schon klar, aber das ist nicht mein Problem.

Netterweise lässt mich Nocript auch genau wissen, welche Server denn da gern meinen Browser penetrieren möchten. Falls ich das will, kann ich dann nämlich einzeln freischalten (dauerhaft oder nur für diese eine Browser-Session).

Noscript zeigt die Server, die auf meinem Browseer im Hintergrund Code ausführen wollen

Bei www.faz.net (siehe Bild) sind das google.com und googletagmanager.com. Wozu muss eigentlich Google wissen, dass ich gerade die FAZ im Netz lese? Und warum wollen Sie das eigentlich - oder wissen Sie das gar nicht?

Weiter ruft www.faz.net facebook.net und twitter.com auf. Da gilt dieselbe Frage: Wozu muss Facebook wissen, dass ich FAZ lese? Wozu Twitter? Und warum lassen Sie das überhaupt zu? Schon klar, Sie wissen vermutlich gar nichts davon, der „Chefredakteur Digitale Produkte“ kann sich ja nicht um jedes Detail kümmern und Ihre Programmierer wollen eben die Like-Buttons nutzen. Aber mein Nutzen ist das definitiv nicht, und wenn ich surfe, geht es mir um meinen Nutzen, da hoffe ich auf Ihr Verständnis.

Ebenso ruft www.faz.net iqcontentplatform.de auf. Den Server kenne ich nicht. Will ich auch gar nicht kennen, wozu denn auch? Aber wieder dieselben Fragen: Was geht das iqcontentplatform an, dass ich gerade die Faz lese? Und warum lassen Sie das zu?

Dieselben Fragen gelten auch für plista.com und chartbeat.com. Kenn ich beide nicht, und wünsche auch gar nicht, deren Bekanntschaft zu machen. Die haben kein Recht auf meine Daten! Schon gar nicht, ohne dass ich’s weiss.

Das sind jetzt ganz schön viele Fragen. Mehr, als Sie mir gestellt haben. Deswegen eine kurze Zusammenfassung:

Lieber Herr Müller von Blumencron,

bei mir läuft ein Adblocker, weil Sie sonst mit meinen Daten Schindluder treiben. Wie sehr, ist Ihnen vermutlich gar nicht bewusst.

Werden Sie mal deutlich in Ihren Aussagen: Verwenden Sie Werbung, die mich stört und mich nicht ausforscht. Nicht nur „in der Regel“ nicht, sondern eben: gar nicht.

Und lassen Sie Ihre Seite mal doch mal sauber programmieren: Dass meine Daten bei Ihnen auflaufen, sobald ich Sie ansurfe, das ist in Ordnung. Meine Entscheidung, mein Risiko. Aber das Sie meine Daten mal eben an sieben andere Server weiterleiten, das ist absolut nicht in Ordnung. Verstehen Sie das, lieber Herr Müller von Blumencron?

Sagen Sie klar, was Sache ist (Ihre „Policy“, unverschwiemelt) und programmieren Sie Ihre Seite sauber.
Dann schalte ich auch meinen Adblocker aus.
Ist das ein Angebot?

Ganz herzlichst,
Albrecht Ude

Why accuracy matters and how journalism can survive in the digital age

Saturday, September 8th, 2012

Yesterday I was invited to hold a key note speech at the closing ceremony of the first German-Danish summer academy at Fachhochschule Kiel.
For today I will just put the whole speech online. Links and pictures are to follow next week.

Dear Ministerpräsident Albig,
dear professor Klausner,
dear honorary consul Bormann,
dear ladies and gentleman,
my dear colleagues,

Thank you for the opportunity to share some of my concerns about the future of journalism with you.
Sound training and a focus on regional issues –as at this summer-school - are certainly two promising remedies that can address the media crisis – especially the crisis among regional newspapers.

If you think, you know what you see on this picture,

(thanks to bildblog.de to point at that story.)
(The picture is still online - with a wrong subline http://www.sueddeutsche.de/wissen/neil-armstrong-ist-tot-still-und-weise-1.984317-3

If you believe that it was Hans-Joachim Friedrichs who originated the idea, that journalists should not fight for any cause, even not for a good one.

And if you trust your encyclopaedia at home that it will have the length of the river Rhine correctly …

… then you are likely, to make factual mistakes. Which is no problem – unless you work in a profession where facts matter. In journalism facts matter a lot – if our audience cannot trust us on these, we are lost.
Factual accuracy is therefore at the core of journalistic virtues and will stay with our profession no matter where it moves technically - whether it will still be printed on paper or broadcast in a linear manner as we know it.
When we talk about fact-checking, we want to ensure that facts are being checked before they get published. For those of you who are not involved in journalism (or exposed to journalism for other professional reasons) this might come as a surprise: But in general journalists -outside the US-publish what they consider to be facts without having these cross-checked by a second person.
Let’s look at some examples:

The frontpage of Süddeutsche Zeitung – Monday one week ago.
This suggests that this is the footprint of Neil Armstrong, but it isn’t. It’s that of his colleague Buzz Aldrin. The actual wording that the newspapser used here – doesn’t say it is his footprint. So at the very least, this is not very accurate.

But this one went for the full mistake: Saying this is Neil Armstrong’s footprint – which is false. (That story too was covered by bildblog.)

And while Süddeutsche had mirrored the picture, “Die Welt” had it upside down.
If you look into this matter, you will learn that there was even a debate on what Neil Armstrong actually said when he stepped out.

(source: Nasa)

And there is no longer any doubt that he dropped the article “a” in his famous “one small step for a man” which would have changed the meaning. Thus the famous quote is only what Armstrong intended to say – without actually saying it.

You might feel that all this is a bit nerdy - to discuss whether an astronaut dropped an article while he was doing something that is truly breathtaking. Why discuss whose footprint that is – as long as it is a footprint on the moon?
To me journalism is a profession that cares about precision, about detail – and about getting as close to the truth as feasible. That’s why I care. Or as one of my bosses had it: If you do not get the names and figures right, why should we trust your story anyway?
(More over it helps a lot, once companies take you to court for alleged false reporting.)
Fact-checking shall ensure that you have proof, or even two sources of proof. And often we do not cross-check because we are pretty sure that we know something by heart.

But this can turn out to be very tricky:

(article in  Süddeutschen Zeitung: http://www.sueddeutsche.de/wissen/der-rhein-ist-kuerzer-als-gedacht-jahrhundert-irrtum-1.24664)

The river Rhine is 90 kilometres shorter than our schoolbooks or printed encyclopaedias have it. That’s almost the length of the Kiel canal that got lost here – due to transposed digits.

Who argued that journalists shouldn’t fight for any cause, even if it is a good one?

It was not Hans Joachim Friedrichs but Charles Wheeler at the BBC from whom Friedrichs got that way of thinking.

What was John F. Kennedy referring to, when he made his famous quote “Ich bin ein Berliner”?

He did not feel like a Berliner nor did he intend to say he was a citizen of Berlin and he did not want to create a slogan to draw tourists to the city. Instead he was referring to ancient Rome – when the proudest thing one could say was “I am a citizen of Rome.” because that menat to have civil rights.

For Kennedy the sixties equivalent was “Ich bin ein Berliner.”

[editorial annotation, added November 12th: Kennedy used that phrase twice: The second time was at the end of his speech. There the quote can be interpreted as -in one particular way- feeling like a Berliner or that he is a citizen of Berlin - but still Berlin here was meant as the modern equivalent of Rome, i.e. a free city in the democratic Western World. So he too was a free man living in the free democratic Western World and -as the Berliners- was not a citizen of the evil East. My speech is using the altered quote at the end to reflect this.]

In many cases false facts are not just based on human error, time pressure and the like, but on PR-people trying to get their story through – with a bias the pleases their clients.
Fact checking will help to show up such stories that are mainly based on one source only.

(The article is still online: http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/verpackungsindustrie-comeback-der-dose-1.953813)

Like this one that we examined last week and which is full of factual mistakes.
And yes again, it’s Süddeutsche Zeitung. I do not intend to say, that they make more mistaktes than others. I actually like that newspaper very much – but don’t we tend to be very rigorous on the ones we like the most?

Checking such facts hardly takes place. On the slide you see how Der Spiegel treats facts. They have a department staffed with around 100 people trying to eliminate or at least to reduce the amount of mistakes. According to one well documented account – this means that 1153 changes have been made due to the fact-checking of one issue only. This count includes 559 mistakes and another 400 cases where the fact-checking lead to more precision.
Some of these mistakes probably were only made because the journalists at Der Spiegel are fully aware that their magazine has fact-checkers and mistakes will be erased before going to the printing press. So journalists at Spiegel bother less to avoid mistakes because of the fact-checking.
However, despite the enormous effort Der Spiegel still makes mistakes –

(article in the archive of Spiegel: wissen.spiegel.de/wissen/image/show.html?did=87908010&aref=image052/2012/08/25/CO-SP-2012-035-0088-0088.PDF&thumb=false)

in last week’s issue our Danish participants saw that they mistook one Danish politician for another and hence printed the wrong picture.

 

Some papers run correction columns regularly – including Spiegel and Süddeutsche – which is good because everybody will tend to continue making mistakes as long as nobody cares about them. Moreover it is a message to the readership: This paper cares about accuracy. Factual mistakes and other shortcomings must at least be talked about – they must be a regular topic in staff meetings.

Bigger mistakes are often not talked about for years.

(link to that issue in the Spiegel archive: http://www.spiegel.de/spiegel/print/index-1993-27.html)

Like this Spiegel cover story that even made the German Home Secretary, Innenminister Seiters, resign – but –at its core – was false. It is very rare that journalists talk about their mistakes and admit that they have been wrong. In this case Hans Leyendecker frankly admitted that he was wrong – which makes him an even greater investigative journalist than he already is.
And of course he did not publish that false story on purpose – he was very sure that he was right.

In many cases you will start to fact-check and then come up with a story in its own right.
In another case a journalist wondered about how many hectares of forest there are in Schleswig-Holstein

And he found no less than three official statistics on what was meant to be one figure only:

One of the may reasons behind these discrepancies is that in one definition, it doesn’t matter in what federal state the trees of a forest are but where the citizen who owns the forest lives. If you look into that dataset – Hamburg looks like a huge forest.

(For the full article klick here: http://www.abendblatt.de/region/article1834083/Dichter-Statistik-Dschungel-im-Norden.html)

This was not intended to be a story on facts only. The government here spent money on increasing the forest area in this state. So looking into the statistic was decisive on whether that money had an effect.

Fact-checking can even lead to investigative stories

This was an advertisement under the red-green government. Claiming that those companies on the chalk board had established new apprenticeship-jobs – Ausbildungsplätze.
We were asked to fact-check it. And came up with a quite different account.

That is governmental PR in disguise and should belong to our key tasks as journalists. But no other journalist investigated that – although it was printed in Der Spiegel.
Seymour Hersh, the great American investigative journalist who uncovered the My Lai massacre in Vietnam in 1968 and whom you probably heard of last when he uncovered the Abu Ghraib torture procedures and pictures in 2004, said
« Governments lie. We don’t lie, we make mistakes but we’re not liars, that’s the difference. »
So even if we journalists do not lie on purpose – we do not always care very much about accuracy.

Unfortunately we do not have external quality controls in place for our media. We get reports on pesticides in our food, of the nasty bits of small print in insurance contracts and on hazardous toys, but we do not have consumer reports on the quality of our media. This is a structural problem because it is a hindrance for competition in quality. So if we complain that the media only compete in market share, this is due to a lack of alternatives.
By the way – it is not only consumer reports missing here, but consumer rights. You cannot return a newspaper because of factual mistakes nor can you reclaim your money or asked for a corrected version.

Why is factual accuracy so vital for the future of journalism?
Today everybody can publish and – different from ten years ago - everybody who wants to be read can publish and will be found by his or her audience.
Many newspapers over here still have not realised why blogs became such a buzz and they openly display that by nick-naming blogs as “Online-Tagebücher”, explaining to their readers, that blogs are just online diaries. They are not. They are powerful means of publication. If you should decide to start a blog on local politics in Kiel tonight, by tomorrow everybody who googles - say for the name of the candidates for mayor ship- will find your blog. (Actually if you google for my name plus some key words from this speech, you’ll find that online tomorrow morning as well.)
During the “old world wide web” this would have been a process of weeks if not months. It is important to understand that the web 2.o introduced technologies that make user-generated content not only easy to generate but more importantly: easy to find. Hence we should no longer use the term “Online diaries”. Otherwise we journalists might end up thinking that it is very difficult to replace journalism by private diaries. This is no longer true. Today you no longer need a publisher, a printing press or a broadcast station to share your stories. That is a problem for those owning such equipment, but it is not necessarily a problem for journalists.
We have all heard about the media crises, diminishing revenue from advertisements and the search for new sustainable sources of income, but so far this has been done from the publisher’s perspective only. From my perspective as a reader, it looks quite different: Up to today I pay my newspaper for printing news on paper and to deliver the paper in the early morning, while the publisher acquires advertisement to pay for the content. From a consumer’s perspective – I am not paying for content, but for convenience – printing and delivery. So nobody should wonder that I dislike paying for content – I am simply not used to it. In tomorrow’s world consumers will pay for their digital devices and for internet access – so they already pay for their convenience and expect content in exchange for paying some attention to advertisements. This is still a business model – Spiegel Online and Bild.de are profitable.
I would like to make a political remark here since the Leistungsschutz-Gesetz still has to pass Bundesrat. So Ministerpräsident Albig will have two more arguments on top of what his party’s working group is already advocating:
- First: Every publisher today is able to withdraw from Google completely or to deny Google to use their content. There is a lot of talk that Google makes profit from publisher´s content, because they display not only the headline of an article and the link to it but, two lines of content. Every webmaster can change that within minutes and stop Google from showing those two lines or from indexing their content at all.


Please see Stefan Niggemeier’s blog for the full story.

- Second: Publishers profit a lot from Google and Facebook – because online they are the main pathways to bring readers to them. Especially those publishers who advocate that strange piece of legislation the most, I name Springer and Burda, are the ones who spent a lot of money on search engine optimisation – apparently because it pays off for them.
I repeat this re-phrased: They pay for automatically generated content and for training and consultancy to optimise their profit from Google. Knowing that, it is rather strange to hear them now claiming the whole situation is vice versa and Google should pay.
Moreover these strategies of search engine optimisation could be considered unfair – to competitors and to the reader, because readers will quite often end up at a news page where they don’t get a good article but a short agency piece instead.


- (For the full argument on this please consult Stefan Plöchinger’s blog, the editor in chief at sueddeutsche.de)

So what should publishers do instead? What should we journalists concentrate on? What is it that could distinguish journalists from the other folk who publish nowadays?
In the age of Twitter – you do not have to own a wire network to be the first to report. But coming from that tradition – speed is still seen as an important criteria in journalism. But today, if publishers go for fast news, they end up with all the others having the same news. In my opinion there is no doubt that media will no longer create great revenue from mainstream news – and please do not even think of making your audience pay for that.
Hence it is a good idea to stress different journalistic virtues: accuracy, exclusiveness and good story-telling. All this is a long-term-project, but if you do not engage in this, you are less likely to survive in journalism for more than another decade.
If you imagine yourself the number of editors who are busy monitoring and editing the news agency feeds in order to fill their federal and foreign policy sections or to write some, usually not very insightful, commentary, you see the very workforce that publishers should employ to do something better. Something that gives greater or added value to their readership.
What could that be? - In a broad, if not global competition where access to media is ubiquitous and cheap, every publishing house should concentrate on what they are best at. They should no longer compete in areas where they cannot be first grade players. This is the paraphrased mantra on how to survive in the digital age as a business – Jeff Jarvis originally meant this to be an advice to bloggers:

“Do what you do best, and link the rest”.

Footnote: Until Tuesday evening I had this quote slightly wrong – until I fact-checked it.

On a national level we see that background information - going beyond the day-to-day reporting of he-said-she-said and the tiny advancements our news reports on a particular international conflict or this or that political debate - is valued more than ever. If you look at “Die Zeit”, a national weekly, you see a lot of things well done: long stories by distinguished journalists, background on what is going on and what will be going on. And – that’s good news – it appears to be paying off for them – their circulation is rising against the trend.
For regional papers something they could do best is clearly reporting on their region, on the communities. That will even include going hyperlocal, that is, covering what is going on in smaller sections of a city or region. Editors and reporters in the regions know their area and readership, they should be most important to their papers. Whereas a regional paper does not necessarily need a lot of staff on federal and even international politics.
If you no longer need to edit federal policy you can do stories nobody else is assigned to. Especially in a regional environment it is very easy to be unique. The story on how big the forests are in this state, is a small example – but it is unique and still most journalists could have written it.
Moreover this story matches two criteria that I always employ when I have to decide whether something is good enough for publication. I call that “Weitererzähl-Faktor” and it has a two-fold meaning: Is the story interesting and outstanding enough so that it is likely that my audience will like to pass it on - literally, as a copy or link or as we now say “share it with their community”? And: Is the story told in a comprehensible way so that everybody who heard about it can easily retell the story?
Before I come to an end, let me return to fact-checking for a moment and share with you an amazing story that actually became my biggest defeat this year – so far.
In January a big retailer, Schlecker, went into insolvency- they could no longer pay their bills. One week later the daughter of the owner declared that even the wealth of the family had gone – no assets left, although they were believed to be billionaires.
Very soon there were many rumours on where the family was keeping their assets. And whether they had transferred some of it in order to keep it – including their private estate. But nobody investigated it – while the rumours where spread all over. There is hardly any newspaper that did not repeat these rumours. It was reported that the wife of the company’s founder and CEO owned the house where they live but nobody was sure since when that was the case.

If the estate had been transferred while the company was already in trouble, such a transfer would have been illegal.
Initially we did not touch the story, because we were afraid of too much competition. Three months later, I still wondered why it should be so difficult to get facts on who owns the estate and especially since when it was owned by that person. On June 6th I asked our trainee to call the cadastre office –Grundbuchamt - in order to request that info. The amazing part of the answer was not that they denied us access to the data, but that we were the first and only journalists who had called by then.
That encouraged us to proceed, so we made a formal inquiry, got a formal denial and decided to go to court with that. Whenever I suggest such an appeal in theory, journalists will reply that this will consume time and money. Here I can prove them wrong:

Within five days we a got a positive court-ruling and the fixed layers’ fee for this is about 150 Euros.
Unfortunately on the day we got the court-ruling BILD-Zeitung already had the full story plus the documents. They were second to request the data, but overtook us during the appeal procedure by one day.


If in this case there were only two journalists requesting this data, you can imagine that in most cases journalists requesting data from governmental authorities will be the only ones to do so. And again: That can make your journalistic product unique.
If you look for further directions on where to go in order to generate unique content, I suggest a close look into data-journalism: the audience loves graphics, comparison and especially data about their region. No matter if you provide details on the homes for the elderly in your region in order to help people in their decision-making or if you analyse the crime statistics – you are very likely to produce good and unique journalism. Currently we see that –enhanced through the open data movement and the various freedom of information acts – more and more official data is being made available, but currently we do not have more than one or two dozen journalists who can analyse such data in Germany. The situation in Denmark actually is a lot better because training in computer assisted reporting there –as in general in Scandinavia – has been going on for a decade already.
My second hint is on how you handle your agenda. Media theory has it that journalists have an agenda setting-function, but a lot of journalism I see appears rather to be agenda-driven. I started as a local reporter at 17 and know very well what it means to cover anniversaries, the general assembly of the local sports club and hand-shake events with the mayor. Most of this is boring –not only for the reporter, but for the audience too. So why shouldn’t we aim at finding better stories that connect to these events? Take for example the jubilee of a local company. If you assign a reporter to that story a day before, you get the event covered plus a handshake-picture on top. If you prepare the event in time – you could dig out some ancient pictures and documents from the local archive, find retired workers and get quotes from other businesses dealing with the company. All this is not much work – if you prepare in time. And it is no big secret which companies have jubilees next year, it is a matter of research.

So let us actively demand information from our governments, question whatever story we are told – by officials as well as by companies! Let us care about detail and accuracy. Make up your mind, what topics should be on the agenda and where you do not want to followw the agenda that PR-people are setting. Start with sound facts, look into the details and then come up with great stories!
If you do so and if you care about our shared journalistic virtues, I am positive that throughout this century we can still take our pride in saying:

“I am a journalist.”

Thank you for your attention.

Beitrag zu Datenjournalismus bei ZAPP

Thursday, November 17th, 2011

Das NDR-Medienmagazin ZAPP berichtet über Datenjournalismus. Dazu gibt’s die Interviews, die im Beitrag als Kurz-Statements erscheinen, in voller Länge (Links unten).

Das Interview mit Lorenz Matzat, Freier Datenjournalist (24:17 min).

Das Interview mit Christina Elmer, Datenjournalistin “stern” (39:34 min).

Das Interview mit Stefan Wehrmeyer, Aktivist “Open Knowledge Foundation” (08:38 min).

via netzpolitik

Datenjournalismus ganz praktisch: Christina Elmer (dpa) auf der re:publica

Sunday, April 17th, 2011

Christina Elmer arbeitet bei der Deutschen Presse-Agentur dpa als dienstleitende Redakteurin für aktuelle Infografiken sowie als Trainerin für Web-Recherche und Computer Assisted Reporting (CAR). Zuvor baute sie bei der dpa Deutschlands erste CAR-Redaktion “dpa-RegioData” mit auf. Auf der re:publica hat sie den Vortrag „Datenjournalismus ganz praktisch - Wie Journalisten Daten finden und sicher nutzen“ gehalten und uns erlaubt, Ihre Folien (PDF, 61 kb) zu veröffentlichen. Einige Beispiele für Karten, die die dpa aus Daten produziert hat, fehlen, weil sie zu groß für das PDF waren. Ich finde besonders Folie 16 interessant, in der Christina ihre Erfahrungen dazu, wie verschiedene Datenquellen mit Anfragen umgehen, in einer Matrix dargestellt hat, eingeteilt nach Qualität, Bandbreite, Zugang und Service.

PR in der Wikipedia

Tuesday, February 22nd, 2011

Bei der nr-Fachkonferenz PR und Journalismus – zwischen Konfrontation und Kooperation an der Universität Hamburg habe ich zum Thema Wikipedia, Blogs, Foren : die PR-Profis schreiben mit. Quellenkritik im Internet vorgetragen.

Die um Links ergänzten Folien habe ich gerade auf meinem Server publiziert [PDF, 28 S., 175 KB]. Sie sind eine Ergänzung zu meinen früheren Ausführungen über Quellenkritik im Netz.
(more…)

Die New York Times über Google und SEO: Die schmutzigen kleinen Suchtricks

Sunday, February 13th, 2011

In dem fantastischen Artikel The Dirty Little Secrets of Search beschreibt David Segal, wie die Firma für Suchmaschinen-Optimierung (SEO) SearchDex, offenbar im Auftrag der US-Kaufhauskette J.C. Penny, erfolgreich Googles Relevanz-Algorithmus hereingelegt hat. Die Geschichte ist ein Recherche-Lehrstück und zugleich spannende Aufklärung darüber, wie Googles Suche funktioniert.

Recherche heute: Thesen für einen handwerklichen Buchbeitrag

Tuesday, January 4th, 2011

Nach vielen anderen Kollegen, die sich mit der Frage beschäftigen, wie sich der Journalismus nach 1995 (mit dem Wachstum des Internets) verändert hat und was man in Zukunft wissen muss, bin ich kurz vor Weihnachten gefragt worden, zu dem Buchprojekt unter Leitung von Christian Jakubetz ein Kapitel über Recherche beizusteuern.
Meine ersten Gedanken hierzu will ich gerne hier diskutieren. Wichtig ist der Auftrag: Die Aufgabe des Buchs soll die Vermittlung von Handwerkszeug sein, nicht das Verbreiten von Thesen über die Bedeutung der Recherche etc. Dass ich nachfolgend dennoch mit Thesen arbeite, soll der Diskussion helfen; im Buchkapitel dann steht das Handwerk dann im Vordergrund.
Abgesehen von exemplarischen Suchmaschinen-Anfragen (mit den universellen Operatoren von Google/Bing/Yahoo) möchte ich allerdings darauf verzichten, einzelne Tools, etwas Programme oder Websites vorzustellen.

Wie verändert sich das Recherche-Handwerk durch die Digitalisierung?

1.) Recherche folgt den althergebrachten methodischen Prinzipien und muss ethischen, journalistischen und
juristischen Ansprüchen genügen – egal ob sie online oder offline stattfindet.

a) Prinzipien: Zwei-Quellen-Regel/Quellenlage transparent machen, von außen nach innen (mit
Einschränkung), Vollständigkeit, Plausibilität, Gegenseite hören.

b) Ansprüche: juristisch zulässig, journalistisch sorgfältig und angemessen, ethisch begründbar, d.h.
nach erfolgter Abwägung öffentliches Interesse vs. Einzelinteressen.

2.) Die Unterscheidung zwischen online und offline Recherche ist daher sinnlos und führt zu mehr Problemen
als Lösungen. Eine reine online-Recherche ist methodisch ebenso ungenügend oder zumindest ineffizient
wie eine reine offline-Recherche. (Bei einigen Themen sind Ausnahmen denkbar.)
Journalisten heute müssen permanent abwägen, welche Tools on- wie offline, am effizientesten sind.

3.) Zum Minimalkanon der Internetrecherche gehört ein Grundverständnis der Funktionsweise von
Suchmaschine, der zugehörigen Suchoperatoren und der Quellenprüfung. (ausführlicher Minimalkanon im
Kapitel)
Soll man hier auch einen Minimalkanon der offline-Recherche formulieren oder auch den Minimalkanon
„Presserecht für Rechercheure“?

4.) Das unter 3. beschriebene Handwerkszeug muss dann kreativ, strategisch, sinnvoll eingesetzt werden.
Beispiele für Online-Strategien: Finden von Suchbegriffen, gezieltes Befragen einer Quelle, kostenlose
Nutzung kostenpflichtiger Datenbanken.
Beispiel für Offline-Strategien: Factchecking, Pendeln, Informanten finden, sich selbst zum Protagonist
machen…

5.) Die Welt verändert sich, online wie offline. (Offline sei nur an die Informationsfreiheitsgesetze erinnert.)
Journalistische Bildung braucht kontinuierliche Updates. Redaktionsmanager müssen dies ebenso wie das
redaktionsinterne Wissensmanagement organisieren.

Das Buchkapitel könnte dann folgende Gliederung haben:
I. Was schon immer galt: Prinzipien und Anforderungen an Recherche
II. Minimalkanon der Offline-Recherche
III. Minimalkanon der Online-Recherche
IV. Minimalkanon Presserecht und Recherche
V. Recherche ist immer unter Zeit- und Rechtfertigungsdruck: Wie gehe ich damit um?
(Was macht Recherche effizienter, wie gehe ich mit unklaren Quellen um etc.)
VI. Exemplarische Strategien für (on- und offline) Recherche
VII. Ausblick mit Beispielen: Computer Assisted Reporting

Ich freue mich über Widerspruch, Ergänzungen, Anmerkungen!

Recherchieren ohne Zeit und Geld?

Wednesday, October 27th, 2010

Ich war am 26. Oktober auf Einladung der Adenauer-Stiftung in Belgrad, um als Keynote-Speaker und Teilnehmer eines Panels über Recherche-Journalismus zu sprechen. Das Manuskript meiner Keynote dokumentiere ich hier - es ist ungeschliffen, da ich anhand von Schlagwörtern frei gesprochen habe.

Alle Medien, egal ob Zeitung oder Fernsehen, egal ob auf dem Balkan, in Westeuropa oder in Amerika können ohne einen Mehraufwand an Zeit und Geld mehr Recherche anstoßen, durchführen und veröffentlichen.
Wir verschwenden zuviel Zeit auf Unnützes und haben deshalb das Gefühl, es bliebe keine Zeit – für Recherche, Analyse, das Finden originärer Themen. Zeit wird natürlich immer benötigt für Besprechungen, Organisatorisches etc. aber selbst wenn wir uns nur anschauen, was Journalisten an Journalistischem während ihrer Arbeitszeit tun, lässt sich schnell eine Fehlallokation, eine Verschwendung von Ressourcen feststellen. Meine Erfahrungen beziehen sich auf Deutschland – es würde mich aber wundern, wenn es hierzulande oder überhaupt irgendwo weltweit ganz anders wäre.

a) Vielen Veranstaltungen, Pressekonferenzen etc. werden von Dutzenden von Journalisten besucht, ohne dass sich beobachten ließe, dass sich die Berichte später grundlegend unterscheiden. Wie auch – jede gestellte Frage – wandert auch in den Block des Kollegen. Es ist das inverse Prinzip von Exklusivität, dennoch geben wir viel Geld dafür aus. Dabei stehen sich die Kollegen vor Ort eher im Weg. (Das Gegenargument, jeweils für das eigene Publikum noch einen Mehrwert zu destillieren, die besondere Herangehensweise zu finden, trägt m.E. nicht weit.)

b) Land auf, Land ab sind in Deutschland Hunderte von Journalisten damit beschäftigt, das Material von Nachrichtenagenturen zu sichten, zu bearbeiten zusammenzufügen. Auch hier ist nicht zu erkennen, dass der starke Wettbewerb, der hier herrschen müsste, besonders gute Ergebnisse hervorbringt. Auch hier ist der Mehrwert nicht zu erkennen. Durch das Internet wird das sichtbar und die Leser werden sich künftig aussuchen können, was sie wo lesen.

Zwischen dem, was die Journalisten einer Redaktion tun sollten, und dem was sie besser lassen und von Agenturen übernehmen sollen, lässt sich leicht unterscheiden: Was können sie denn wirklich besser als die Agenturen? Wo können wir unserem Publikum mehr bieten als die Agenturen? Getreu der Parole des Internet-Gurus Jeff Jarvis: Do what you can do best and link the rest! Eine Redaktion soll das tun, was sie am besten kann, was sie für ihr Publikum wichtig macht und all das sein lassen, wo nur “me-too-Produkte” erstellt werden.

Wenn wir heute die Zukunft des Journalismus diskutieren, geht es vor allem um die Zukunft der Zeitung, des ältesten Mediums für Journalismus. Zeitungen sterben, die Auflagen sinken. Wenn sich in der Zukunft alle Redaktionen auf das konzentrieren, was sie am besten können, sehe ich vor allem folgende 5 mögliche Entwicklungen:

1.) Die Spezialisierung wird zunehmen, der Redakteur, der alles –vor allem aber redigieren und zusammenschreiben - kann, wird von der Regel zur Ausnahme.

2.) Das größte Hindernis für einen weltweiten Journalismus, der sich auf je das konzentriert, was jede Redaktion am besten kann, ist die Sprache. Im Moment sind es vor allem die englischsprachigen Medien, die von der Globalisierung des Journalismus durch das Internet profitieren. Der Guardian hat online monatlich 35 Millionen unique visitors.
Für alle anderen Nationen heißt das vor allem eins: Wir brauchen mehr Journalisten, die als Übersetzer arbeiten, aber unter journalistischen Bedingungen also schnell, mit Sachkenntnis in ihrem Ressort und der jeweiligen Sprache übersetzen können.
Das könnte auch eine große Chance für Nachrichtenagenturen werden: Wenn Sie das Beste zu allen weltweiten und nationalen Ereignissen liefern - Klammer auf im Original oder in der Übersetzung – wäre das ein Grund, sich stärker auf sie zu verlassen.

3.) Das Lokale oder auch „hyper-lokale“ - wir interessieren uns schon immer am meisten für die Ereignisse in unserer nächsten Umgebung. Viele Medien haben das vergessen und bekommen heute Konkurrenz aus der Blogosphäre. Es ist unverständlich, dass gerade die Regionalzeitungen ihre einstige Stärke, die letztlich sogar ihre Existenzberechtigung darstellt, vergessen haben. (Ich selbst in Berlin kann überhaupt gar keine Zeitung abonnieren, die auch nur annähernd so viel Lokales liefert wie es einer Kleinstadt heute noch üblich ist.)

4.) Wer von einem Ereignis detaillierter, brillanter, sprachlich interessanter berichtet, als alle anderen – also der gute Reporter, dessen Arbeit an Schriftstellerei heranreicht, wird immer sein Publikum finden. Wer künftig über die Rettung der Chilenischen Minenarbeiter berichtet, muss das besonders gut machen.

5.) Und – bis auf weiteres – ist und bleibt Recherche eine Marktlücke. Es wird zu wenig recherchiert – damit meine ich nicht nur investigative Recherchen. Es fängt an bei fehlender Präzision und Faktenfehlern - allein hier lässt sich noch viel an Qualität hinzugewinnen. Zeit für Recherche lässt sich ohne weiteres gewinnen, wenn wir Journalisten uns auf das konzentrieren, was wir besser können als andere.

Den Einwand, dass nicht jeder, der heute Nachrichten redigiere, morgen zum investigativen Reporter werden kann, möchte ich nicht gelten lassen. Wenn Sie „große“ Rechercheure hören und fragen, was man für die investigative Recherche braucht, so werden sie Ihnen sagen: Erfahrungen und Kontakte.

Ich arbeite sehr viel mit jungen Journalisten – da macht es keinen Sinn auf Erfahrungen und Kontakte zu verweisen – denn dann warten die jungen Kollegen und warten und werden vielleicht nie eine vernünftige Recherche auf den Weg bringen. Aber nicht nur aus diesem didaktischen Grund glaube ich nicht an das Mantra der Rechercheure, dass Erfahrungen und Kontakte alles seien. Ich setze dagegen auf gute Ideen, Methodik und vor allem auf viel Fleiß.
Erst, wenn die eigene Erfahrung reflektiert und analysiert wird, wird daraus Methodik, Handwerkszeug, etwas das man anderen vermitteln kann. Wer immer nur auf die eigene Erfahrung verweist, weiß vermutlich gar nicht, was er wirklich erfahren hat - weil er es nicht analysiert hat.

Um loszulegen, ist es hilfreich, sich auf machbare und relevante Recherchen zu konzentrieren. Die schwer machbaren Recherchen neigen dazu, Zeitfresser zu werden und keine Ergebnisse zu bringen. Um dennoch große Geschichten zu machen, muss man die großen Thesen in Teile zerlegen und sich immer wieder fragen, was können wir jetzt schon berichten und was können wir mit einem Tag oder einer Woche mehr noch dazu gewinnen. (Oft bringen Teilveröffentlichungen auch strategische Vorteile.) Ich kenne mehrere Redaktionen, die so arbeiten – in keiner darf jemand ein halbes Jahr an einem Thema arbeiten ohne Rechenschaft abzulegen.

Abgesehen davon, dass sehr vieler Recherchen heute ohne großen Kostenaufwand durchgeführt werden können, (ich meine damit nicht nur das Internet, sonder vor allem auch das Telefon) gilt auch hier, dass Recherche vor allem von einer Umverteilung von Ressourcen profitieren kann.
Geld lässt sich aber auch genauso wie Zeit rationieren – jeder will wissen, was für sein Geld bekommt – auch Ihr Chef oder meine Auftraggeber. Auch hier hat es sich ebenso bewährt, schrittweise vorzugehen und Ziele zu definieren - was ist sicher machbar, was wäre maximal machbar - für ein bestimmtes Budget.
Wenn jemand zu mir kommt und Geld für eine Auslandsreise will, weil man vor Ort ja mehr raus bekäme, ist das aussichtslos. Erst müssen die Hausaufgaben gemacht werden. Im August habe ich drei Kollegen für mehrere Tagen nach Spanien geschickt, nachdem sie mit ihrer Recherche zuhause sehr weit gekommen waren. Sie hatten so ziemlich alles, was man von Deutschland aus recherchieren konnte, zusammengetragen und die Chancen standen gut, dass wir zumindest einen in Deutschland gesuchten Betrüger finden könnten, da wir Informationen zu dreien hatten. Am Ende wurden es dann 2 von 3 gefunden – Menschen, die in Deutschland von den Behörden (Staatsanwaltschaften) nach wie vor gesucht werden.

Abgesehen von meinen Überlegungen hier, bleibt es natürlich immer richtig - wenn wir Journalisten nicht wie hier unter uns sind - mehr Geld und mehr Zeit für Recherche- Journalismus zu fordern. ;-)

Handout Quellenprüfung online

Wednesday, July 14th, 2010

Das Handout zu meinem Referat auf dem Jahrestreffen 2010 des netzwerk rechercher (Hamburg, Fr., 09.07.2010)
Die Ente bleibt draußen - Quellenprüfung im Internet“ mit Linkliste am Ende der Datei steht auf meinem Server www.ude.de zum Download (PDF-Datei, 28 S., 49 KB)

Ein Artikel von mir zu dem Thema ist in der nr-Werkstatt 9: Quellenmanagement – Quellen finden und öffnen nachgedruckt („Wahrheitsfindung“, S. 87 ff.)

OpenData und Journalismus - Folien online

Monday, July 12th, 2010

Am Samstag habe ich gemeinsam mit Lorenz Matzat beim Jahrestreffen des Netzwerks Recherche einen Workshop zum Thema „OpenData und Journalismus“ geleitet. Hier sind die Folien:

Außerdem nochmal mal als PDF (2,4 MB) zum Runterladen.