Archive for the ‘In eigener Sache’ Category

Minimalkanon der Internet-Recherche

Donnerstag, März 26th, 2009

Nachdem ich in einem Vortrag auf der GOR 2007 (pdf zur Konferenz, abstract auf Seite 109) bereits in einer Analyse typischer Fehler und Probleme Minimalstandards für die journalistische Internetrecherche gefordert habe, habe ich diese im verganenen Jahr geringfügig modifiziert - für das nun im Juni erscheinende Buch „Innovationen für den Journalismus“ (Hrsg.: Fengler, Susanne / Kretzschmar, Sonja).

Die Formulierungen sind vielleicht etwas kryptisch - die Liste ist ja sonst in einen Vortrag bzw (s.o) ein Buchkapitel eingebettet.

Minimalkanon der Internetkenntnisse für Rechercheure

1. Syntax und Funktionsweise von Suchmaschinen
2. Bewertung von Online-Quellen
3. Strategien, um die Zahl der Treffer zu reduzieren, Ergebnisse einzugrenzen
4. Methodisches Vorgehen statt Fleißarbeit, denn Fleiß statt Methode führt zu Fehlern
5. Systematisches Abarbeiten von Trefferlisten
6. Finden der eigenen Suchbegriffe auf den Trefferseiten
7. Einsatz der site-spezifischen Suche
8. Recherchefragen erkennen, die offline gelöst werden müssen; effiziente Kombination von On- und Offline-Recherche
9. Erschließen von Quellen des „deep web“ (z.B. die google und andere Suchmaschinen bislang noch nicht finden)

Handouts und Vorträge zu diesen Themen finden Sie auch hier auf dieser Site - bis Ende April sind bestimmt auch wieder alle pdfs online :-) Suchen Sie einfach ab und zu mit dem folgenden Suchbefehl:

site:recherche-info.de filetype:pdf

Über Kommentare und Ergänzungen freue ich mich!

Eine Lanze brechen für die Online-Recherche

Montag, Oktober 20th, 2008

Den ganzen Unsinn, den man sich ständig anhören muss, wenn man Internet-Recherche als Methode nutzt, lehrt oder verteidigt, habe ich versucht in einem Beitrag für Message zusammenzufassen. Der Artikel ist jetzt erschienen und zur Hälfte auch online.

1.) Die Glaubwürdigkeit von Onlinequellen ist schwer ermittelbar und sie sind generell eher unglaubwürdig. Offlinequellen sind daher Onlinequellen überlegen.
2.) Wikipedia lässt sich nicht überprüfen, und Fehler könnten unbemerkt übernommen werden, bevor sie korrigiert werden.
3.) Dass jeder frei publizieren kann, ist ein Fluch für den Journalismus.
4.) Es ist besser, mehrere Suchmaschinen zu nutzen als nur eine.
5.) Durch Internetrecherche lässt sich nichts Neues zu Tage fördern, da alles, was im Internet zu finden ist, schon per Definition veröffentlicht ist.
6.) Die verzerrte Wirklichkeitsabbildung durch Suchmaschinen ist ein zentrales Problem der journalistischen Onlinerecherche.

In der internen Diskussion der Co-Blogger hier tauchte auch die Frage auf, woher ich den diese ganzen dummen Argumente hätte, mit denen ich mich dann auseinandersetze.
Daher möchte ich hier auf die beiden Hauptquellen verweisen: Professor Dr. Machill und Dr. Thomas Leif. Bei genauerem Quellenstudium nährt sich dabei der Verdacht, dass Leif, der ohnehin oft gerne halbgare Studien zitiert, seine Urteile Vorurteile vor allem aus der wissenschaftlichen Arbeit Propaganda Machills bezieht. Beide haben sich schon mehr als einmal bei Podiumsdiskussionen und dergleichen getroffen.

Sehr putzig ist auch eine Stelle in Machills jüngster Studie, die ich hier ja schon zweimal kommentiert habe. Die Autoren geraten begrifflich ins Schwimmen und referieren, dass Websites einen wichtigen Anteil (sic!) des Internets darstellten und zu vielen Bereichen Informationen lieferten. Selten habe ich einen solchen Sprachmüll gelesen. Sei auch alles nicht so gemeint, versichert mir der Herr Professor per Mail. In Anbetracht der Tatsache, dass die Landesmedienanstalt NRW 100 000 Euro für die „Studie“ ausgegeben hat, finde ich wäre ein Lektorart oder das Gegenlesen durch den Professor, der seinen namen auf den Buchdeckel drucken lässt, doch sicherlich angemessen gewesen.

Die zweite Quelle für die o.g. Thesen ist das schon altbekannte Interview auf webwatching.info, in dem Thomas Leif Blogger beschimpft (Leif, Thomas: Interview mit Kristin-Leonie Weiland. http://www.webwatching.info)

Eine Rezension der Machill-Studie findet sich ebenfalls in der aktuellen Ausgabe von Message; aber nicht online.


Disclaimer: Ich habe nichts gegen Professor Machill, mich ärgert ausschließlich der Inhalt dieser sogenannten Studie. Das ist alles unabhängig von sonstigen Auseinandersetzungen rund um seine Person - mit diesen habe ich nichts zu tun, auch wenn ich in Leipzig einen Lehrauftrag habe.

Sag niemals nie, Internet-Rechercheur!

Freitag, September 12th, 2008

Oft werde ich gefragt, ob dies oder das online möglich sei. Die Liste, der Dinge, die ich für entweder unmöglich hielt oder aber wusste, dass sie unbezahlbar sind, schrumpft heute.

Beispiele, von dem was ich in Lillehammer gelernt habe:

1.) Datenbanken, die sich nicht herunterladen lassen, kann man mit Hilfe von robots auslesen. Ziel ist dabei, selbst mit den Daten zu arbeiten, und Zusammenhänge zu sehen. Bislang ging dies nur auf Apple-Rechnern oder aber wenn man bereit war, einen sechsstelligen Euro-Betrag zu investieren. Bisher. Jetzt gibt es mit Open-Kapow ein kostenloses Programm. Ein kleines Tutorial verlinke ich, sobald ich es online ist.

2.) Wer hat welche Websites registriert? Es gibt Methoden, solche Registrierungsdaten zusammen zu tragen, eine systematische Suche hat Paul Meyers (BBC) heute hier gezeigt, eine Suche bei Dialog. Anleitung und Beispiel folgen sobald….

3.) Wer hat eine Website früher besessen? Auch hierfür gibt es Datenbanken. Eine, die auch noch mehr bietet http://www.domaintools.com/products/units.html - leider kostenpflichtig, 10 Tage kostenlos

4.) Nicht neu, aber so universell noch nicht gesehen. Norid.no, das norwegische Pendant der Denic hat für alle Top Level Domains die offiziellen Registries verlinkt. http://www.norid.no/domenenavnbaser/domreg.html

Global Investigative Journalism Conference 2008, Lillehammer

Donnerstag, September 11th, 2008

Über 500 Journalisten aus über 80 Staaten sitzen für ein paar Tage just in dem Hotel im norwegischen Lillehammer, in dem zu den olympischen Spielen 1994 das Olympische Komitee stets tagte. Kein gutes Omen oder eine gezielte Provokation?
So es dass WLAN eben dieses Hotels zulässt, will ich hier ein bisschen von der Konferenz berichten verlinken.

Ein Stream ausgewählter Veranstaltungen ist hier verfügbar.

Die Handouts der über 110 Veranstaltungen sollen ebenfalls auf der Website zu finden sein. Im Moment gilt das nur für das Eröffnungspanel über den Journalismus nach 9/11 - 2001 ist gemeint, denn der 11. September 2008 wird, das kann ich nach dem ersten Tag der Konferenz sagen, den Journalismus (noch) nicht revolutionieren.

Vielleicht bringt den Kollegen auch noch jemand bei, dass man Links noch besser beschriften kann - die Dateinamen, die sich jetzt online finden, kann man nicht verstehen.
Downloads der handouts also hier: http://www.gijc2008.no/handouts

Links zu ausgewählten Handouts der Referenten folgen!

Paul Meyers von der BBC ist furchtbar unterhaltsam und hat uns allen noch Dinge rund um die Internet-Recherche gezeigt, die wir entweder gar nicht kannten oder aber die wir noch nicht so clever genutzt oder miteinander kombiniert haben.
Seine Präsentationen sind hier online: http://www.researchclinic.co.uk/skup/

Mit dem Netz kleine Fehler entlarven (1)

Montag, August 18th, 2008

Das Internet ist der Feind der Plagiate und der kleinen Fehler - die positive Seite der Googleisierung wird oft vergessen. Dabei geht es doch so schnell und -machen wir uns nichts vor- kleine Fehler finden sich jeden Tag in jeder Zeitung.
Heute morgen stutze ich beim Lesen eines Artikels über die Künstlersozialkasse (KSK) in der Berliner Zeitung. Dort heißt es, die KSK-Abgabe sei vor vier Jahren auf das Dreifache angestiegen, was eine Diskussion über Sinn und Zukunft der KSK ausgelöst habe.
Nun zahle ich selbst seit fast einen Jahrzehnt KSK-Abgabe und -Beiträge und weiß, dass das nicht stimmt; die Frage aber ist doch, wie hoch ist der Aufwand, eine solche Zahl zu überprüfen (wenn man sich denn wundert, ob das stimmen kann).
Die Homepage der Kasse findet sich schnell online - fünf Minuten später lässt sich auch die Übersicht über die Entwicklung der Abgabesätze finden.

Google Maps next geration – Berlin wird erfasst

Dienstag, Juli 1st, 2008

Opel-PKW mit Kamera-Aufbau, unterwegs in Berlin, Kennzeichen: HH-GG … Google fährt mit einem sehr auffälligem Auto durch Berlin. Auf dem Mast auf dem Dach sind 5-6 Kameras angebracht, in den Kästen darunter vermutlich GPS und anderer Kram.

Schon das Kennzeichen deutet auf Google hin; an der Seite habe ich aber auch das Logo gesehen (aber leider nicht fotografieren können).

Das Internet ist schuld (Teil 2)

Dienstag, Juli 1st, 2008

Ich habe ja schon über den amüsanten Auftritt von Thomas Leif bei der Vorstellung einer Studie über Internet-Recherche geschrieben und ihm hier widersprochen. Kurz gesagt geht es um die Frage, ob die Nutzung des Internets schuld an bestimmten journalistischen Fehlleistungen ist oder nicht. Das gleichzeitige Auftreten von zwei Phänomenen bedingt ja noch keine Kausalität.
Wie schon in der Einleitung zum Medienkodex geben Leif & Co. dem Internet die Schuld.
„Neue Technologien und zunehmender ökonomischer Druck gefährden den Journalismus.“
Ich sehe das anders und glaube, dass Journalisten schon immer selbstreferentiell waren, das Internet macht das natürlich leichter. Zugespitzt würde ich sagen, dass Faulheit, Eitelkeit und pseudo-Zwänge der Branche jeweils eine größere Rolle als Ursachen für Recherche-Fehlleistungen darstellen als das Internet.

Sehr schön kommt diese Kontroverse im Deutschlandfunk-Beitrag von David Goeßmann raus:

“(…) Für Thomas Leif von netzwerk recherche sind die Ergebnisse der Studie alarmierend. Er fordert eine Zuspitzung der Debatte.

„Journalisten beziehen sich immer mehr auf bereits von anderen Journalisten hergestelltes Material. Sie bearbeiten Informationen, die von außen zu ihnen gehen. Aber sie organisieren immer weniger eigene Geschichten, eigene Stories, und vor allem orginelle eigenwertige Recherchen. So dass es die Tendenz gibt, dass recycelt wird und man sich immer mehr aufeinander bezieht und nicht auf das was wirklich ist.“

Lorenz Maroldt, Chefredakteur des Tagesspiegels, hält die Studie demgegenüber für überzogen. Dass durch den Rückgriff auf das Internet der Gegencheck seltener stattfinde, hält Maroldt für nicht bewiesen.

„Früher ohne Online hats das genauso gegeben. Wurde genauso Quellen geglaubt. Vielleicht wurde sogar Quellen noch eher direkt geglaubt. Und durch die Möglichkeit über Google einen schnellen Gegencheck zu machen, ist man vielleicht eher in der Lage schnell zu überprüfen, ist das denn plausibel, was mir da einer erzählt. Ich glaube, dass Problem wird da von der falschen Seite beschrieben.“„

Der Position Maroldts ist erstmal nichts hinzuzufügen.

Alles böse im Netz, oder was? (Studie LfM, Teil II)

Montag, Juni 23rd, 2008

Er hat es schon wieder gesagt: Alles wird schlimmer mit der Recherche und schuld ist das Internet; Selbstreferentialität sei eine Folge des Internets, gab Thomas Leif (Vorsitzender Netzwerk Recherche e.V.) zu Protokoll – auch wenn das vorangegangene Podium schon zu dem Konsens gekommen war, dass diese Trends weder neu, noch ursächlich mit dem Internet zusammenzubringen seien …
(weiterlesen…)

Journalisten sind nur Durchschnitt

Montag, Juni 23rd, 2008

Das ist das Ergebnis einer Studie der Landesanstalt für Medien NRW (LfM). Dass Journalisten die durchschnittliche Bevölkerung abbilden, scheint wünschenswert, wenn auch realitätsfern.

Schlimmer wird es, wenn -wie nun festgestellt wird- Journalisten bei der Recherche im Internet nur so gut sind wie der Durchschnitt.

Die Studie offenbart ein großes Defizit in der Aus- und Fortbildung - so weit, so erwartbar. Interessant ist das auch Ergebnis eines Teils der Studien, in dem Journalisten einfache Rechercheaufgaben online lösen mussten. Hier schnitten erstaunlicherweise ältere Kollegen mit mehr Berufserfahrung besser ab, als die jüngeren mit weniger Berufserfahrung. Im Durchschnitt waren beiden Gruppen zusammen aber nur Durchschnitt.

Das Erfolgsgeheimnis der Älteren: Ergebnisse lesen und mit den gewonnenen Inhalten die eigene Suchanfrage zu verbessern. Hab ich doch schon immer empfohlen.

Wohltuend auf dem Podium, das gerade die Ergebnissse der Studie diskutiert, fällt Lorenz Maroldt vom Tagesspiegel auf. Zum einen weist er darauf hin, dass durch die Möglichekeiten der Onlinerecherche vermutlich mehr Überprüfungsrecherchen denn je stattfinden; zum anderen gab es ja Fakes und Falschmeldungen schon lange vor Beginn des Onlinezeitalters.

Soweit mal zur Tagung, mehr folgt im Laufe des Nachmittags.

Hier noch ein paar in den Raum zu werfende Thesen zum Thema:

Nicht alles, was in der Wikipedia steht, ist falsch oder auch nur fragwürdig.

Professor Schneider von der LFM empfiehlt, die Trefferzahl durch die Verwendung des Operators „UND“ um den Faktor 1 hoch 9 zu minimieren. RTL-Peter-Klöppel weist darauf hin, dass 1 hoch 9 auch nur eins sei. Das ist doch ne Supermethode, die in der Studie gar nicht vorkommt: Mitdenken.

Während alle immer darauf hinweisen, dass Google keine unabhängige Suchmaschine sei und die Trefferlisten natürlich das Ergebnis einer Filterung sind, hat mir noch keiner erklärt, was man denn nun besser machen solle oder wo google für den journalistischen Alltag verzerrte Ergebnisse liefert.

Erstaunliches Teilergebnis: Die Suche von Kontaktdaten ist der Haupteinsatzzweck der Internetrecherche. Wenn damit gemeint ist, dass tatsächlich Telefonnummern und (Internet-)Adressen online gesucht werden, verwundert mich das.

Super: Das Archiv der Times – (vorläufig)* frei und kostenlos

Dienstag, Juni 17th, 2008

Dem Kress-Report entnehme ich, dass die Times ihr Archiv online frei zugänglich gemacht hat – bis einschliesslich 1985. So what?

Die meisten deutschen Medien haben gar keine elektronische Datenbasis, um Zeitungen aus den 80er Jahren online zugänglich (und Volltext durchsuchbar!) zu machen. Einzige Ausnahmen etwa unter den bei genios zugänglichen Zeitungsarchiven sind die Wirtschaftswoche (seit 1984) und das Handelsblatt (seit 1986). Doch die Pointe kommt noch.

Das Online-Archiv der Times ist zwar nur bis zum 31.12.1985 frei zugänglich, dafür sind aber alle Ausgaben dabei und das heißt, Alles seit dem 1.1.1785 (in Worten: siebzehnhundertfünfundachtzig). Mal so eben 200 Jahre!

Erst die BBC, dann das jetzt. Ach England, Du hast es besser.

Bericht über den WM-Sieg 1966 in Wembley

Die Exekution von Marie Antoinette

Erster Beitrag über „Jack the Ripper“

Titelseite der ersten Ausgabe vom 1. Januar 1785

(Ideen zu den Links auch vom Kress-Report übernommen.)
* die Ergänzuung „vorläufig“ wurde nach dem Kommentar von JMI vorgenommen