Posts Tagged ‘Berliner Zeitung’

Vorbildliche Bild-Zeitung, ärgerliche Berliner Zeitung

Wednesday, April 25th, 2007

Nein, dieses Blog wird nicht zum Berliner-Zeitungs-Watchblog. Die Berliner Zeitung berichtet heute über einen Fall von Kindesmisshandlung in Berlin. Wer der Täter war, ist unklar – das schreibt auch die Berliner Zeitung: „Die Polizei weiß noch nicht, ob die Frau, ihr jüngerer Freund, der nicht Vater des Jungen ist, oder möglicherweise ein Dritter der Täter war“. Dennoch nennt die Berliner Zeitung den Namen der verdächtigten Mutter und zeigt sie im Foto. Für mich ein klarer Verstoß gegen den Pressekodex und journalistische Ethik.

Die Bildzeitung (Berliner Ausgabe, nicht online) dagegen verkneift sich fast jegliche Hinweise auf die prominente Mutter und schreibt lediglich von einer teuren Wohnung - Name und Foto der Mutter sind aber unkenntlich gemacht. Genauso handhaben es fast alle anderen Zeitungen, die heute darüber berichten. Lediglich die Berliner Morgenpost nennt noch die Prominenz und den Beruf der Mutter.

Eine Quelle ist keine Quelle, ist keine … (1)

Tuesday, April 17th, 2007

Vorab: Lieber Sebastian Wolff von der Berliner Zeitung, es tut mir ein wenig leid, dass ich Sie hier tadele, denn genauso gut könnte ich jeden Tag in jeder deutschen Zeitung einen Artikel herausgreifen und dafür kritisieren, dass er einzig und allein auf einer einzigen Quelle beruht.

In Ihrem Fall auf Angaben des Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Zu Gute halten möchte ich Ihnen, dass Sie sich erst gar nicht die Mühe machen, das zu verschleiern. Damit nicht alle den Text lesen müssen: Der GDV beklagt sich, dass Internetbetrüger den Versicherungen das Leben schwer machen und Schaden zufügen. Als Beispiel wird angeführt, dass Schmuck bei Ebay angeboten wird würde (sic!) und diesem Wertzertifikate über einen viel höheren Preis beiliegen – letztere würden dann den Versicherungen vorgelegt, wenn ersterer gestohlen gemeldet wird.

Ich habe mir den Artikel direkt nach der Lektüre ausgerissen, um ihn am Mittwoch den Volontären im Rechercheseminar vorlegen zu können – damit die ja nicht denken, das mit den Ein-Quellen-Artikeln sei ein theoretisches Phänomen.

Was ist denn so schlimm daran, möchten Sie fragen? Naja, der Leser zahlt ja dafür, dass Sie sich etwas Arbeit machen, aber in diesem Fall hätten Sie doch besser einfach nur einen Nachdruck mit dem Verbandsmagazin abgemacht, das das Thema, wie Sie ja auch anführen, bereits in einem Artikel aufgegriffen hatte. Wobei, werter Kollege, einige Passagen hart an der Grenze zum Plagiat sind.

Und da ich als Leser ja schon mal dafür bezahlt habe, dass Sie etwas mehr leisten, verrate ich Ihnen nicht nur, was ich mir noch gewünscht hätte, sondern was ich eigentlich für schlichtes Handwerkszeug halte. (Nicht dass Sie Leserforschung betreiben und mein Aboentgelt wieder nicht in die Redaktion wandert.)

Abgesehen davon, dass der Artikel in sich widersprüchlich ist, indem er zum einen behauptet, dass es keine Zahlen gäbe, zum anderen aber sagt, die Zahl solcher Delikte sei gestiegen – hierauf hat ja der Kollege Kunze schon aufmerksam gemacht –, abgesehen davon also stellen sich nach der Lektüre des Textes mehr Fragen als der Artikel vermeintlich beantwortet hat.

Ein paar Ideen ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

  1. Gibt es das Massenphänomen überhaupt? (Wieviel Schmuck mit Zertifikaten, die Wertangaben enthalten, finden Sie bei Ebay?)
  2. Wie kommen die Versicherer dazu, solchen Zertifikaten glauben zu schenken? (müssen Sie ja auch nicht) So ein Zertifikat ist ja kein Zahlungsbeleg - im Gegensatz zu Quittungen oder Kassenbons, die Versicherungen sonst so verlangen.
  3. Plausibilität: Die meisten Hausratversicherungen begrenzen die Versicherung von Wertsachen wie Schmuck.

Schon diese kleine Denksportaufgabe hätte mich so skeptisch gemacht, dass ich das Thema entweder liegen gelassen hätte oder erst recht recherchiert hätte.

Tja. So nun aber sieht es einfach so aus, dass der GDV seine jährliche Oh-wie-schlimm-ist-Versicherungsbetrug-PR-Meldung loswerden wollte und dachte, mit der Internetkriminalität als Aufhänger kommt das sicherlich besser an. Und: Bei Ihnen ist das ja auch angekommen. Glückwunsch, lieber GDV!

PS: Liebe Leser, sagt’s den Volos nicht - sonst ist der ganze Spaß hin …

Grass mit zwei S und mehr als zwei Fragezeichen

Wednesday, August 16th, 2006

Der vordere Teil unserer Überschrift belobigt die Jungle World für die schöne Überschrift.

Gestern frug ich mich, warum denn noch niemand über Grass’ Vergangenheit gestolpert ist. Einer der Biografen, jemand der über ihn schreibt. Recherche, die noch nicht einmal die Absicht hätte haben müsen, Grass etwas anzuhängen, hätte helfen können. Die Suche nach Zeitzeugen, Menschen, die Grass als Soldat erlebt haben, die Suche nach Dokumenten und sei es nur zu illustrativen Zwecken – all das hätte Chancen geöffnet, dahinter zu kommen.

Heute berichtet die Berliner Zeitung, dass Grass „vorläufige Erklärung“ als Kriegsgefangener zugänglich im Archiv lag – vermutlich seit 1964.

Im Moment interessiert aber die Frage, hätte man die Geschichte nicht nur finden können, sondern geradezu finden müssen, wenn man recherchiert hätte?

Wir bleiben dran.

Nachtrag 23 Uhr: Die Spekulation, das Grass einer möglichen Veröffentlichung zuvor kommen wollte, wurde entfernt, da es anders als Berliner Zeitung und Kölner Stadtanzeiger berichteten, keine entsprechenden Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit im Bundesarchiv gibt.