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Eine Quelle ist keine Quelle, ist keine … (1)

Tuesday, April 17th, 2007

Vorab: Lieber Sebastian Wolff von der Berliner Zeitung, es tut mir ein wenig leid, dass ich Sie hier tadele, denn genauso gut könnte ich jeden Tag in jeder deutschen Zeitung einen Artikel herausgreifen und dafür kritisieren, dass er einzig und allein auf einer einzigen Quelle beruht.

In Ihrem Fall auf Angaben des Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Zu Gute halten möchte ich Ihnen, dass Sie sich erst gar nicht die Mühe machen, das zu verschleiern. Damit nicht alle den Text lesen müssen: Der GDV beklagt sich, dass Internetbetrüger den Versicherungen das Leben schwer machen und Schaden zufügen. Als Beispiel wird angeführt, dass Schmuck bei Ebay angeboten wird würde (sic!) und diesem Wertzertifikate über einen viel höheren Preis beiliegen – letztere würden dann den Versicherungen vorgelegt, wenn ersterer gestohlen gemeldet wird.

Ich habe mir den Artikel direkt nach der Lektüre ausgerissen, um ihn am Mittwoch den Volontären im Rechercheseminar vorlegen zu können – damit die ja nicht denken, das mit den Ein-Quellen-Artikeln sei ein theoretisches Phänomen.

Was ist denn so schlimm daran, möchten Sie fragen? Naja, der Leser zahlt ja dafür, dass Sie sich etwas Arbeit machen, aber in diesem Fall hätten Sie doch besser einfach nur einen Nachdruck mit dem Verbandsmagazin abgemacht, das das Thema, wie Sie ja auch anführen, bereits in einem Artikel aufgegriffen hatte. Wobei, werter Kollege, einige Passagen hart an der Grenze zum Plagiat sind.

Und da ich als Leser ja schon mal dafür bezahlt habe, dass Sie etwas mehr leisten, verrate ich Ihnen nicht nur, was ich mir noch gewünscht hätte, sondern was ich eigentlich für schlichtes Handwerkszeug halte. (Nicht dass Sie Leserforschung betreiben und mein Aboentgelt wieder nicht in die Redaktion wandert.)

Abgesehen davon, dass der Artikel in sich widersprüchlich ist, indem er zum einen behauptet, dass es keine Zahlen gäbe, zum anderen aber sagt, die Zahl solcher Delikte sei gestiegen – hierauf hat ja der Kollege Kunze schon aufmerksam gemacht –, abgesehen davon also stellen sich nach der Lektüre des Textes mehr Fragen als der Artikel vermeintlich beantwortet hat.

Ein paar Ideen ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

  1. Gibt es das Massenphänomen überhaupt? (Wieviel Schmuck mit Zertifikaten, die Wertangaben enthalten, finden Sie bei Ebay?)
  2. Wie kommen die Versicherer dazu, solchen Zertifikaten glauben zu schenken? (müssen Sie ja auch nicht) So ein Zertifikat ist ja kein Zahlungsbeleg - im Gegensatz zu Quittungen oder Kassenbons, die Versicherungen sonst so verlangen.
  3. Plausibilität: Die meisten Hausratversicherungen begrenzen die Versicherung von Wertsachen wie Schmuck.

Schon diese kleine Denksportaufgabe hätte mich so skeptisch gemacht, dass ich das Thema entweder liegen gelassen hätte oder erst recht recherchiert hätte.

Tja. So nun aber sieht es einfach so aus, dass der GDV seine jährliche Oh-wie-schlimm-ist-Versicherungsbetrug-PR-Meldung loswerden wollte und dachte, mit der Internetkriminalität als Aufhänger kommt das sicherlich besser an. Und: Bei Ihnen ist das ja auch angekommen. Glückwunsch, lieber GDV!

PS: Liebe Leser, sagt’s den Volos nicht - sonst ist der ganze Spaß hin …

Vom Überlebenswillen mythischer Zahlen

Saturday, July 8th, 2006

Verursacht Kreditkartenbetrug (und andere Formen des so genannten „Identitätsbetrugs“) tatsächlich einen Schaden von 48 Milliarden US-Dollar im Jahr? Gehen wirklich Diebstähle in New York City im Wert von 2 bis 5 Milliarden US-Dollar jährlich allein auf das Konto von Beschaffungskriminalität?

Die Antwort auf die erste Frage ist nein, die Antwort auf die zweite Frage ist – Überraschung! - ebenfalls nein. Im ersten Fall wäre der Schaden halb so hoch wie die Gewinne es gesamten US-Banksektors, im zweiten Fall ist es sogar so, dass zu der Zeit, als die Zahl zum ersten Mal veröffentlicht wurde, die New Yorker Polizei den Schaden durch Diebstähle auf 300 Millionen US-Dollar bezifferte - aller Diebstähle wohlgemerkt.

Dennoch haben Zahlen dieser Art einen unglaublichen Überlebenswillen – oder, besser gesagt, die Journalisten, die sie ungeprüft verwenden, sorgen dafür, dass sie nicht tot zu kriegen sind. Einen neuen Versuch unternimmt Jack Shafer in seinem sehr lesenswerten Artikel The (Ongoing) Vitality of Mythical Numbers im Online-Magazin Slate (englisch).

Wie sieht es hierzulande aus? Wo sind sie, die mythischen Zahlen? Auf Anhieb fällt mir keine ein, aber das liegt bestimmt nur an meinem schlechten Gedächtnis. Liebe LeserInnen, helft uns auf die Sprünge!

Nicht nur Bild hat Probleme mit Zahlen

Sunday, July 2nd, 2006

Ein Eintrag, der nichts wenig mit Recherche im Sinne von nachschlagen oder rausfinden zu tun hat. Manchmal muss man eine Meldung gar nicht recherchieren, um zu entscheiden, sie nicht zu drucken … Die Leipziger Volkszeitung berichtetet am 27. Juni auf Seite 1 in einem Leitartikel folgendes:

Weniger Wettbewerb. Gesundheitsfonds beschlossen

Berlin/Leipzig (DW/H.E.). Die Koalition hat sich auf erste Eckpunkte der Gesundheitsreform verständigt. Ein zentraler Einigungspunkt ist, so bestätigten Regierungskreise gegenüber der LVZ, die Konzentration der gesetzlichen Kassen auf eine wettbewerbsfähige „Mindestbetriebsgröße“. Sollte es zu einer Mindestmitgliederzahl von einer Million Versicherter kommen, wie auch diskutiert wird, würde sich die Zahl der Kassen um 110 bis 120 verringern. Durch Fusionen würde sich die Kassenstruktur verschlanken und weniger Verwaltungskosten verursachen.

(Kostenlos online ist nur die ots-Vorabmeldung.)

Klar, ein Thema und noch nichts, was einen auf den ersten Blick wundern müßte. Die Google-Recherche „Anzahl Krankenkassen Deutschland“ bringt dann auf Rang eins den Wikipedia-Eintrag „Krankenkasse“, der die Information enthält, es gebe 253 gesetzliche Krankenkassen. Eine Zahl, die die google-Suche „253 gesetzliche Krankenkassen“ bei der KKH, Spiegel Online und dem Marburger Bund bestätigt und die auch wohl aktuell ist. Wir wissen nicht, wie Tagesschau.de dann auf zunächst 252 kommt, vielleicht eine Info aus dem angefragten Ministerium? Egal ist auch wurscht.

Aber mit der Recherche dieser Zahl wird der Unsinn klar, der der LVZ zumindest noch nicht zwingend auffallen musste. Nun lautet die Meldung, die Tagesschau.de unter Berufung auf die LVZ bringt, 110 bis 120 von 252/253 gesetzlichen Krankenkassen müssten ggf. schließen, damit nur noch solche übrig bleiben, die mindestens eine Million Mitglieder haben.

Also wenn maximal 133 Krankenkassen (253 ? 120 = 133) verbleiben, benötigen diese mindestens 133 Millionen Mitglieder (133 × 1 Million = 133 Millionen) – eine Zahl, die auch ohne die Berücksichtigung von Privatversicherten, Beamten, Unversicherten und Mitversicherten, von der Berücksichtigung großer Kassen mit mehreren Millionen Mitgliedern mal ganz abgesehen, in Deutschland einfach nicht erreicht werden kann.

Disclaimer: Mir ist die Meldung nur einzig und allein deshalb aufgefallen, weil ich mich beim Lesen der Schlagzeile im RSS-Feed, sofort an die Geschichte des hochverehrten Bildblogs erinnerte. Wofür die mir jetzt vermutlich noch ’ne Rechnung für in Anspruch genommene Fortbildung stellen. Recht haben sie ja: Lesen hilft. Hauptsache Habermas hat seinen Spaß.

Tagesschau.de hat die Meldung im Laufe des Tages mehrfach geändert – allerdings ohne den Zeitstempel zu ändern. Was man dort auch als Fehler ansieht. Wer Spaß dran hat – hier ist gleich noch einer zu finden, solange der Text und Zeitstempel (Stand: 01.07.2006 09:25 Uhr) unverändert bleiben.