Kategorie: Allgemein

  • Journalismus & Recherche » Blog Archive » Warum wart Ihr nicht im Netz, Korrespondenten?

    Es ist grausig, wenn man erst einmal anfängt, sich mit Fakten Nachrichten zu beschäftigen. Wie schon dargestellt, habe ich vergangenen Mittwoch zwei Fehler im ARD-Bericht zum Flugzeugabsturz in Nepal gefunden. Gut für die ARD: Sie kann sich auf Agenturen berufen und die anderen „Qualitätsmedien“ wussten es auch nicht besser. Am Freitag Abend, 3 ganze Arbeitstage nach dem Absturz, war noch nicht einmal die Frage geklärt, wie weit der Absturzort von der nepalesischen Hauptstadt entfernt ist und in welcher Richtung beide Orte zueinander liegen.

    Hier eine Auswahl der Antworten auf die Frage, wo der Absturzort Lukla von Kathmandu aus liegt:

    … 300 km östlich (AP, ARD, 2 weitere Treffer) (185 Meilen) … 250 km east (nepalnews.com, CNN) (155 Meilen) … 140 km east (xinhuanet.com) … 140 km northeast (AFP) (90 Meilen) … 125 km nordöstlich (Reuters) (80 Meilen) … 150 km nordöstlich (ZDF, Spiegel, Deutsche Welle, Tagesschau, Zeit, Süddeutsche, taz, 35 weitere)

    … 150 km östlich (Zoomer mit AFP/DPA)

    Richtig ist 140 Kilometer östlich, wenn man auf 10-km-genau rundet. Dass Lukla östlich von Kathmandu liegt, ist nicht zu bestreiten. Per Software wurde der Kurs von Kathmandu Airport nach Lukla Airport mit 90,2 Grad ermittelt. (90 Grad entsprechen genau Ostkurs.) Nordöstlich ist somit um 45 Grad daneben.

    Bei ARD, Nepalnews und CNN hätte ein Lineal und der Blick in den Atlas genügt, um festzustellen, dass man grob daneben liegt: 300 km östlich von kathmandu liegt Sikkim (Indien). Alle anderen liegen aber immer noch so deutlich daneben, dass es einfach peinlich ist.

    Da ich in der Woche des Unglücks eine Internetrechercheseminar für eine Nachrichtenredaktion zu geben hatte, habe ich anhand des Beispiels mal zusammen gestellt, was man zu dieser Meldung hätte im Internet finden können. In meiner Präsentation (PDF, 2 MB) finden sich zu dieser Frage Fotos aus meinem Atlas, eine Entfernungsmessung mit Hilfe des Lineals bei google earth sowie das Ergebnis einer Piloten-Software. Schnell zu finden sind auch eine Fülle guter Quellen zu Flughäfen, Airlines, Flugplan, Wetter und früheren Unglücken. Und das alles mit einem Aufwand, den ich von einem öffentlich rechtlichen Korrespondenten erwarte.

    Etwas aufwändiger ist schon das Zusammenstellen weiterer Quellen, zumal dabei auch ein paar typische Probleme der Internet-Recherche auftauchen – das zeige ich in Teil 2 meiner Präsentation (PDF, 2MB). Dass sich die Mühe lohnt, zeigt der Bericht des Sterns einen Tag nach dem Unglück: Die verunglückte Maschine hatte zuvor bereits zwei Unfälle – die staatlichen Berichte zu beiden finden sich im Netz. Samt Fotos.

    (Ich hoffe, mit dieser Erläuterungen ist die Präsentation zu verstehen.)

    Tags: Geografie, Kathmandu, Landkarte, Nepal

  • Journalismus & Recherche » Bing

    Der trivialste, mithin aber der schwierigste Schritt einer Online-Recherche, ist die Auswahl der Suchbegriffe. Damit steht und fällt die Effizienz der Recherche: Ist ein falscher Begriff dabei, der in den gesuchten Seiten nicht vorkommt, finde ich diese nicht; sind zu wenige oder zu wenig treffende Begriffe dabei, ertrinke ich in der Vielzahl von Treffern.

    Eine universelle Lösung für dieses Problem habe ich nicht, aber eine Reihe von Regeln und Tipps:

    1.) Möglichst viele Suchbegriffe verwenden, Anzahl der Treffer reduzieren. Solange ich damit keine gewünschten Treffer ausschließe, kann und sollte ich weitere Suchbegriff hinzufügen. Beispiel: Auf der Suche nach dem Originaltext aus Shakespeares Hamlet kann ich dem Kernzitat [„to be or not to be“] problemlos alle weiteren Wörter aus dem Hamlet-Monolog hinzufügen, also: [„to be or not to be – that ist he question“]

    Im Beispiel reduziert sich die Anzahl der Treffer von 1 777 000 auf 704 000.

    2.) Was sind gute Suchbegriffe? Eigennamen von Personen, Werken, Orten, Gebäuden, Organisationen sind sehr gute Suchbegriffe. Solange es sich sinnvoll vermeiden lässt, sollten diese allerdings nicht als Phrase in Anführungszeichen gesucht werden! Die Anführungszeichen verhindern eine Suche nach anderen Schreibweisen, eingeschobenen weiteren Begriffen und anderen Abweichungen. (Am Beispiel einer Personensuche habe ich das hier ausführlich an einem Beispiel erklärt.)

    Im Zweifelsfall kurz die Ergebnisse mit und ohne Anführungszeichen vergleichen!

    3.) Wo finde ich gute Suchbegriffe?

    a) in der Trefferumgebung
    Beispiel: Nach der Eingabe von „to be or not to be“ kann ich, noch bevor ich eine der Trefferseiten aufrufe, weitere Suchbegriffe in der Ergebnisliste der Suchmaschine finden und mit ihnen meine Suchbegriffe ergänzen. In meinem Beispiel etwa die Begriffe [shakespeare hamlet] und die Ergänzung des Zitats (siehe 1.)

    b) in der Wikipedia Zum Einlesen ist sie immer geeignet – vor allem, wenn ich mit dem Thema nicht vertraut bin oder aber in einer Fremdsprache recherchiere. Mit dem Wörterbuch einen Suchbegriff treffend zu übersetzen, gelingt in der Regel nicht.

    Beispiel: ich habe mal lange mit dem Suchbegriff [sects] für Sekten gesucht – die Übersetzung ist zwar treffend, aber aus Gründen der political correctness verwenden die Amerikaner statt [sects] lieber den neutraleren Begriff [religious groups]

    4.) Zwei Ansätze: Nehme ich Suchbegriffe aus der Überschrift oder aus dem Inhalt? Paul Myers (BBC) verwendet die nachfolgende Analogie, wenn er erklärt, wie man an die Auswahl der Suchbegriffe herangehen kann: Gute Sachbücher haben ein Inhaltsverzeichnis und einen Index: Während ich im Index alle relevanten Fundstellen für einen Begriff finde, taucht der Suchbegriff im Inhaltsverzeichnis vielleicht nur an einer Stelle auf, dafür führt er dort zu einem sehr relevanten Eintrag.

    Wer in unserem Beispiel nach [berühmte Zitate Shakespeare] sucht, mag fündig werden, schließt aber alle Treffer aus, die für [berühmt] oder [Zitat] einen anderen Begriff verwenden, etwa auf Englisch.

    Pauls Beispiel zeigt diesen Denkansatz noch besser. Wer nach einer Liste ermordeter Prominenter sucht, kann natürlich überlegen, was jemand, der eine solche Liste erstellt, in die Überschrift schreibt. Schon nach ersten Überlegungen und nur auf Deutsch kommt dabei eine komplexe aber unzureichende Suchanfrage zustande:

    [(Liste OR Verzeichnis OR Übersicht) (ermordet OR getötet OR umgebracht OR erschossen) (Prominenter OR Politiker OR Stars OR Künstler)]

    Eine solche Schnittmengensuche mit Hilfe des Operators OR kann sinnvoll sein (dazu in einer späteren Folge mehr), in diesem Fall ist sie es nicht, da es zu viele Synonyme gibt, und ich diese zudem in 3-4 Sprachen berücksichtigen sollte.

    Zielführender ist hier die Frage: Welche Namen sollten auf der Liste auftauchen?

    [John F. Kennedy] sollte dabei sein. Wer noch? Statt nun weitere ermordete amerikanischen Präsidenten hinzugefügt werden, sollte überlegt werden, welche Namen möglichst einen größeren Zugewinn für diese Suche bringen. Etwa: [John Lennon] gut, ein Künstler, kein Politiker, aber auch USA [Gandhi] gut, anderer Kontinent (und nebenbei gleich 3 Ermordungen: Mahatma Gandhi, sowie Nehrus Tochter Indira Gandhi und deren Sohn Rajiv Gandhi] [Benazir Bhutto] gleicher Kontinent wie Gandhi, aber eine Ermordung, die noch nicht solange zurück liegt, damit werden inaktuelle Listen ausgeschlossen; (damit könnte man Gandhi wieder als Suchbegriff entfernen)

    [Caesar] gute Ergänzung, wenn die Liste, denn auch die ältere Geschichte abdecken soll.

    5.) Aus dem Beispiel unter 4. folgt der allgemeine Rat:
    Stell Dir das Dokument vor, dass Du suchst! Was steht da drauf? Welche Begriffe werden für das, was ich suche, verwendet?
    Tückisch sind viele Behördenseiten. So wird z.B. in Gesetzen und Verordnungen nicht von Prozentsätzen gesprochen, sondern von „von Hundert-Sätzen“ (v.H.) – der Suchbegriff [„v.H.“] ist daher auf der Suche z.B. nach Steuersätzen ein guter und erklärt, warum der Suchbegriff [Prozent OR %] oft weniger gut geeignet ist. Aber Achtung, das Bundesfinanzministerium verwendet in Pressemitteilungen durchaus Prozentangaben. Lösung: [„v.H.“ OR Prozent OR %].

    6.) Und sonst noch: Über Suchbegriffe a) Reihenfolge matters: bei 2 oder 3 Suchbegriffen macht die Reihenfolge einen Unterschied im Ranking der Treffer (nicht in der Anzahl. Beispiel zum Ausprobieren und Merken: [Hilton Paris] vs. [Paris Hilton] b) Synonyme berücksichtigen und mit [OR] verbinden! c) Substantive sind besser als Verben! d) Solange ich kein [+] oder [„“] benutze findet Google auch andere Schreibeweisen und trunkiert meine Suchbegriffe!

    z.B. [photographie] findet sowohl „Fotografie“ als auch „fotografisch“ oder „photographischen“

  • Journalismus & Recherche » Blog Archive » Was ist „reich“ für einen FAZ-Autor?

    Seit es den Zeitungsverlagen schlecht geht (oder sollte man sagen: seit sie nicht mehr die Monopolrenditen der Vergangenheit verdienen), bekommt man auch bei Air Berlin die FAZ (der SZ geht es offenbar noch nicht schlecht genug…). Das ist natürlich eine erhebliche Verbesserung gegenüber dem Zustand, nur den Focus, die Gala und die Welt Kompakt angeboten zu bekommen (das ist der Rest der Auswahl). Außerdem bekommt man so die Chance, die Qualität der einstmals „besten Tageszeitung der Welt“ (war in den 90ern Mal Eigenwerbung aufgrund irgendeiner Umfrage) zu überprüfen.

    In der heutigen Ausgabe findet sich ein Portrait des Kochs und Unternehmers Daniel Boulud, geschrieben von Roland Lindner. Die Überschrift lautet: „Restaurants machen nicht reich“, und im Text wird Boulud zitiert mit der Aussage: „Die Leute denken immer, nur weil man ein Restaurant hat, hat man auch viel Geld. In Wirklichkeit investieren wir den größten Teil des Gewinns wieder ins Geschäft.“ Sehen wir mal davon ab, dass ich nie dachte, wer ein Restaurant hat, sei reich. Höchstens: Wer ein Imperium von zehn Luxusrestaurants in New York City, Vancouver, Paris, Palm Beach, Las Vegas und Peking hat, ist mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht wirklich arm. Aber es geht ja nicht um einen Eindruck, sondern das, was im Artikel steht:

    Dinex (Bouluds Unternehmen) beschäftigt 900 Mitarbeiter, den Umsatz beziffert Boulud auf „zwischen 50 und 100 Millionen Dollar.“

    Etwas weiter hinten:

    Generell nimmt sich Boulud bei seinen Restaurants vor, dass 8 bis 12 Prozent vom Umsatz als Gewinn übrig bleiben.

    Boulud hält die Hälfte der Anteile an Dinex, den Rest teilen sich zwei Partner.

    Das bedeutet also, dass beim schlechtesten Szenario (50 Mio. Dollar Umsatz, 8 Prozent Gewinn) 4 Millionen Dollar übrig bleiben, von denen die Hälfte Boulud gehören. Jährlich. Beim optimistischsten Szenario sind es 6 Millionen Dollar (die Hälfte von 12% von 100 Mio. Dollar).

    Ein so schlechter Geschäftsmann, dass die Aussage: „Wir investieren den Gewinn“ bedeutet, dass Boulud keine Abschreibungen geltend machen kann, wird der Herr über 900 Angestellte wohl nicht sein. Aber nehmen wir mal an, dass er dadurch netto noch einmal die Hälfte seines Gewinns „verliert“ – dann bleibt ihm ein Gewinn von 1 bis 3 Millionen US-Dollar im Jahr. Darauf hätte Herr Lindner, Betriebswirt und Wirtschaftskorrespondent der FAZ in New York, auch selbst kommen können (finde ich).

    Es kann natürlich sein, dass derartige Einkünfte für festangestellte FAZ-Redakteure noch lange nicht bedeuten, jemand sei reich. Die Grenzen verschieben sich beständig in einer Welt, in der die FAZ freien Autoren 1,20 Euro pro gedruckter Zeile bezahlt. Aber muss man dann gleich die Überschrift daraus machen?

  • Journalismus & Recherche » analytische Recherchen

    Weil ich mit Marcus zusammen das ganze Panel organisiert habe, musste ich auch schierem Zeitmangel den Vortrag nochmal halten, den ich schon beim letzten Jahrestreffen zum Besten gab. Immerhin hatte ich Zeit, ihn nochmal zu überarbeiten.

    Hier sind die Folien (PDF-Datei, 24 S., 50 KB)
    und die Linkliste (PDF-Datei, 4 S., 20 KB) dazu.

    Nach dem Vortrag im letzten Jahr hatte ich zu dem Thema einen Fünfseiter in der c’t, der (mit Genehmigung der Redaktion) in der nr-Werkstatt 9 nachgedruckt ist:
    Quellenmanagement – Quellen finden und öffnen / Hrsg.v. netzwerk recherche e.V. Konzeption: Dr. Thomas Leif (verantw.) Redaktion: Thomas Schnedler. Redakt. Mitarbeit: Daniel Bouhs Wiesbaden : netzwerk recherche, 6/2008. – 140 S., brosch.

    (nr-Werkstatt ; Bd. 9)

    (PDF-Datei, 140 S., 888 KB)

    Update [21.02.2011]: Eine Ergänzung zum Thema gibt es hier:

    PR in der Wikipedia.

    Viel Spaß!

  • Journalismus & Recherche » Veranstaltungen

    Ich war am 26. Oktober auf Einladung der Adenauer-Stiftung in Belgrad, um als Keynote-Speaker und Teilnehmer eines Panels über Recherche-Journalismus zu sprechen. Das Manuskript meiner Keynote dokumentiere ich hier – es ist ungeschliffen, da ich anhand von Schlagwörtern frei gesprochen habe.

    Alle Medien, egal ob Zeitung oder Fernsehen, egal ob auf dem Balkan, in Westeuropa oder in Amerika können ohne einen Mehraufwand an Zeit und Geld mehr Recherche anstoßen, durchführen und veröffentlichen.
    Wir verschwenden zuviel Zeit auf Unnützes und haben deshalb das Gefühl, es bliebe keine Zeit – für Recherche, Analyse, das Finden originärer Themen. Zeit wird natürlich immer benötigt für Besprechungen, Organisatorisches etc. aber selbst wenn wir uns nur anschauen, was Journalisten an Journalistischem während ihrer Arbeitszeit tun, lässt sich schnell eine Fehlallokation, eine Verschwendung von Ressourcen feststellen. Meine Erfahrungen beziehen sich auf Deutschland – es würde mich aber wundern, wenn es hierzulande oder überhaupt irgendwo weltweit ganz anders wäre.

    a) Vielen Veranstaltungen, Pressekonferenzen etc. werden von Dutzenden von Journalisten besucht, ohne dass sich beobachten ließe, dass sich die Berichte später grundlegend unterscheiden. Wie auch – jede gestellte Frage – wandert auch in den Block des Kollegen. Es ist das inverse Prinzip von Exklusivität, dennoch geben wir viel Geld dafür aus. Dabei stehen sich die Kollegen vor Ort eher im Weg. (Das Gegenargument, jeweils für das eigene Publikum noch einen Mehrwert zu destillieren, die besondere Herangehensweise zu finden, trägt m.E. nicht weit.)

    b) Land auf, Land ab sind in Deutschland Hunderte von Journalisten damit beschäftigt, das Material von Nachrichtenagenturen zu sichten, zu bearbeiten zusammenzufügen. Auch hier ist nicht zu erkennen, dass der starke Wettbewerb, der hier herrschen müsste, besonders gute Ergebnisse hervorbringt. Auch hier ist der Mehrwert nicht zu erkennen. Durch das Internet wird das sichtbar und die Leser werden sich künftig aussuchen können, was sie wo lesen.

    Zwischen dem, was die Journalisten einer Redaktion tun sollten, und dem was sie besser lassen und von Agenturen übernehmen sollen, lässt sich leicht unterscheiden: Was können sie denn wirklich besser als die Agenturen? Wo können wir unserem Publikum mehr bieten als die Agenturen? Getreu der Parole des Internet-Gurus Jeff Jarvis: Do what you can do best and link the rest! Eine Redaktion soll das tun, was sie am besten kann, was sie für ihr Publikum wichtig macht und all das sein lassen, wo nur “me-too-Produkte” erstellt werden.

    Wenn wir heute die Zukunft des Journalismus diskutieren, geht es vor allem um die Zukunft der Zeitung, des ältesten Mediums für Journalismus. Zeitungen sterben, die Auflagen sinken. Wenn sich in der Zukunft alle Redaktionen auf das konzentrieren, was sie am besten können, sehe ich vor allem folgende 5 mögliche Entwicklungen:

    1.) Die Spezialisierung wird zunehmen, der Redakteur, der alles –vor allem aber redigieren und zusammenschreiben – kann, wird von der Regel zur Ausnahme.

    2.) Das größte Hindernis für einen weltweiten Journalismus, der sich auf je das konzentriert, was jede Redaktion am besten kann, ist die Sprache. Im Moment sind es vor allem die englischsprachigen Medien, die von der Globalisierung des Journalismus durch das Internet profitieren. Der Guardian hat online monatlich 35 Millionen unique visitors. Für alle anderen Nationen heißt das vor allem eins: Wir brauchen mehr Journalisten, die als Übersetzer arbeiten, aber unter journalistischen Bedingungen also schnell, mit Sachkenntnis in ihrem Ressort und der jeweiligen Sprache übersetzen können.

    Das könnte auch eine große Chance für Nachrichtenagenturen werden: Wenn Sie das Beste zu allen weltweiten und nationalen Ereignissen liefern – Klammer auf im Original oder in der Übersetzung – wäre das ein Grund, sich stärker auf sie zu verlassen.

    3.) Das Lokale oder auch „hyper-lokale“ – wir interessieren uns schon immer am meisten für die Ereignisse in unserer nächsten Umgebung. Viele Medien haben das vergessen und bekommen heute Konkurrenz aus der Blogosphäre. Es ist unverständlich, dass gerade die Regionalzeitungen ihre einstige Stärke, die letztlich sogar ihre Existenzberechtigung darstellt, vergessen haben. (Ich selbst in Berlin kann überhaupt gar keine Zeitung abonnieren, die auch nur annähernd so viel Lokales liefert wie es einer Kleinstadt heute noch üblich ist.)

    4.) Wer von einem Ereignis detaillierter, brillanter, sprachlich interessanter berichtet, als alle anderen – also der gute Reporter, dessen Arbeit an Schriftstellerei heranreicht, wird immer sein Publikum finden. Wer künftig über die Rettung der Chilenischen Minenarbeiter berichtet, muss das besonders gut machen.

    5.) Und – bis auf weiteres – ist und bleibt Recherche eine Marktlücke. Es wird zu wenig recherchiert – damit meine ich nicht nur investigative Recherchen. Es fängt an bei fehlender Präzision und Faktenfehlern – allein hier lässt sich noch viel an Qualität hinzugewinnen. Zeit für Recherche lässt sich ohne weiteres gewinnen, wenn wir Journalisten uns auf das konzentrieren, was wir besser können als andere.

    Den Einwand, dass nicht jeder, der heute Nachrichten redigiere, morgen zum investigativen Reporter werden kann, möchte ich nicht gelten lassen. Wenn Sie „große“ Rechercheure hören und fragen, was man für die investigative Recherche braucht, so werden sie Ihnen sagen: Erfahrungen und Kontakte.

    Ich arbeite sehr viel mit jungen Journalisten – da macht es keinen Sinn auf Erfahrungen und Kontakte zu verweisen – denn dann warten die jungen Kollegen und warten und werden vielleicht nie eine vernünftige Recherche auf den Weg bringen. Aber nicht nur aus diesem didaktischen Grund glaube ich nicht an das Mantra der Rechercheure, dass Erfahrungen und Kontakte alles seien. Ich setze dagegen auf gute Ideen, Methodik und vor allem auf viel Fleiß.
    Erst, wenn die eigene Erfahrung reflektiert und analysiert wird, wird daraus Methodik, Handwerkszeug, etwas das man anderen vermitteln kann. Wer immer nur auf die eigene Erfahrung verweist, weiß vermutlich gar nicht, was er wirklich erfahren hat – weil er es nicht analysiert hat.

    Um loszulegen, ist es hilfreich, sich auf machbare und relevante Recherchen zu konzentrieren. Die schwer machbaren Recherchen neigen dazu, Zeitfresser zu werden und keine Ergebnisse zu bringen. Um dennoch große Geschichten zu machen, muss man die großen Thesen in Teile zerlegen und sich immer wieder fragen, was können wir jetzt schon berichten und was können wir mit einem Tag oder einer Woche mehr noch dazu gewinnen. (Oft bringen Teilveröffentlichungen auch strategische Vorteile.) Ich kenne mehrere Redaktionen, die so arbeiten – in keiner darf jemand ein halbes Jahr an einem Thema arbeiten ohne Rechenschaft abzulegen.

    Abgesehen davon, dass sehr vieler Recherchen heute ohne großen Kostenaufwand durchgeführt werden können, (ich meine damit nicht nur das Internet, sonder vor allem auch das Telefon) gilt auch hier, dass Recherche vor allem von einer Umverteilung von Ressourcen profitieren kann. Geld lässt sich aber auch genauso wie Zeit rationieren – jeder will wissen, was für sein Geld bekommt – auch Ihr Chef oder meine Auftraggeber. Auch hier hat es sich ebenso bewährt, schrittweise vorzugehen und Ziele zu definieren – was ist sicher machbar, was wäre maximal machbar – für ein bestimmtes Budget.

    Wenn jemand zu mir kommt und Geld für eine Auslandsreise will, weil man vor Ort ja mehr raus bekäme, ist das aussichtslos. Erst müssen die Hausaufgaben gemacht werden. Im August habe ich drei Kollegen für mehrere Tagen nach Spanien geschickt, nachdem sie mit ihrer Recherche zuhause sehr weit gekommen waren. Sie hatten so ziemlich alles, was man von Deutschland aus recherchieren konnte, zusammengetragen und die Chancen standen gut, dass wir zumindest einen in Deutschland gesuchten Betrüger finden könnten, da wir Informationen zu dreien hatten. Am Ende wurden es dann 2 von 3 gefunden – Menschen, die in Deutschland von den Behörden (Staatsanwaltschaften) nach wie vor gesucht werden.

    Abgesehen von meinen Überlegungen hier, bleibt es natürlich immer richtig – wenn wir Journalisten nicht wie hier unter uns sind – mehr Geld und mehr Zeit für Recherche- Journalismus zu fordern. 😉

  • Journalismus & Recherche » Whistleblowing

    Wie die Frankfurter Rundschau berichtet, haben Strafverfolger am vergangenen Freitag die Wohnung des Pressesprechers der Piratenpartei durchsucht. Offenbar waren sie auf der Suche nach einem internen Dokument des bayerischen Justizministeriums, aus dem hervor ging, dass Bayern zur Überwachung von Internet-Telefonaten bereits eine Abhör-Software benutzt hat, die dem geplanten Bundes-Trojaner sehr ähnlich war – „obwohl die gesetzlichen Grundlagen für Online-Durchsuchungen auf Bundesebene bis heute politisch hoch umstritten und nicht endgültig beschlossen sind.“ (FR)

    Der Strafrechtler Udo Vetter dazu:

    Die bayerischen Behörden haben ohne jede gesetzliche Grundlage an einem Trojaner gearbeitet und versuchen jetzt, die Kritiker mundtot zu machen“

    Die Durchsuchung sei ein höchst fragwürdiges Mittel, um die undichte Stelle in der Behörde zu finden. Noch dazu sei der Pressesprecher lediglich als Zeuge, als unbeteiligter Dritter eingestuft gewesen.

    „Die Strafjustiz wird instrumentalisiert, um unbequeme Behördenmitarbeiter einzuschüchtern, die auf Missstände hinweisen.“

    Ex-Innenminister Gerhart Baum (FDP) sagte der FR, es sei die Frage, „ob hier nicht ein Übermaß an staatlicher Aktivität stattfindet“. Und: „Diese Sache hat einen unguten Geschmack.“

    Sehr schön: Die FR verlinkt auf das Dokument, das die Piratenpartei veröffentlicht hat. Ein Schelm, wen das alles an den Fall CIcero erinnert.

    Eine gute Gelegenheit, mal wieder auf unsere Materialsammlung zum Thema „Digitaler Informantenschutz“ hinzuweisen.

  • Journalismus & Recherche » Blog Archive » Evaluation of Online Sources

    Weshalb man gerade als Journalist Quellen im WWW genau auf ihre Verwendbarkeit prüfen muss, ist spätestens seit dem Hoax um den Club der toten Richter (Anfang 2006) klar. Wie man das macht, welche Fragen man stellen muss und welche Websites bei deren Beantwortung helfen können, darüber referierte ich am 15.06.

    Da die Veranstaltung international sein sollte, hatte ich englische Folien vorbereitet: Evaluation of Online Sources. Die letzten drei Seiten sind das Link-Verzeichnis.

    (Sobald ich Gelegenheit habe, das Thema noch mal etwas umfangreicher und auf deutsch zu behandeln, werde ich einen entsprechenden Hinweis als Nachtrag zu diesem Posting und als neuen Eintrag posten.)

    Evaluation of Online Sources
    {PDF, 24 S., 43 KB}

    [AUde]

  • Journalismus & Recherche » DataMining

    Thursday, November 17th, 2011

    Das NDR-Medienmagazin ZAPP berichtet über Datenjournalismus. Dazu gibt’s die Interviews, die im Beitrag als Kurz-Statements erscheinen, in voller Länge (Links unten).

    Das Interview mit Lorenz Matzat, Freier Datenjournalist (24:17 min).

    Das Interview mit Christina Elmer, Datenjournalistin “stern” (39:34 min).

    Das Interview mit Stefan Wehrmeyer, Aktivist “Open Knowledge Foundation” (08:38 min).

    via netzpolitik

    Sunday, April 17th, 2011

    Christina Elmer arbeitet bei der Deutschen Presse-Agentur dpa als dienstleitende Redakteurin für aktuelle Infografiken sowie als Trainerin für Web-Recherche und Computer Assisted Reporting (CAR). Zuvor baute sie bei der dpa Deutschlands erste CAR-Redaktion “dpa-RegioData” mit auf. Auf der re:publica hat sie den Vortrag „Datenjournalismus ganz praktisch – Wie Journalisten Daten finden und sicher nutzen“ gehalten und uns erlaubt, Ihre Folien (PDF, 61 kb) zu veröffentlichen. Einige Beispiele für Karten, die die dpa aus Daten produziert hat, fehlen, weil sie zu groß für das PDF waren. Ich finde besonders Folie 16 interessant, in der Christina ihre Erfahrungen dazu, wie verschiedene Datenquellen mit Anfragen umgehen, in einer Matrix dargestellt hat, eingeteilt nach Qualität, Bandbreite, Zugang und Service.

    Monday, October 25th, 2010

    Die Elektrischen Reporter basteln an einem neuen Video-Format namens ePolitik. Der erste veröffentlichte Testbeitrag kümmert sich um das Thema Open Data: Was ist das, warum gibt es diese Idee, was bewirkt sie bereits, was kann sie noch bewirken, wie ist die Situation in Deutschland – all diese Fragen werden angesprochen. Und natürlich die Frage, wie die rechtliche Situation derzeit aussieht (spoiler alarm: sehr kompliziert! ;-))

    Die Macher über die Idee hinter ePolitik:

    Internet und Politik stehen in einer wechselseitigen Beziehung zueinander: Einerseits hat sich das Web zu einem politischen Raum entwickelt, zum neuen Ort für politische Debatten, Kommunikation und Protest. Andererseits ist das Netz an vielen Stellen selbst Gegenstand von Politik und Gesetzgebung geworden, wie beispielsweise die heftige Debatte um Netzsperren zeigt. Verändert also die Politik das Netz oder ist es umgekehrt? Entwickelt sich beides aufeinander zu? Mit diesen und anderen Fragen aus der Schnittmenge von Internet und Politik beschäftigt sich ePolitik.

    Friday, April 23rd, 2010

    Hauke Johannes Gierow berichtet vom ersten Open Data Hackday in Berlin. Open Data wird Thema eines Workshops mit Lorenz Matzat bei der Jahreskonferenz des Netzwerks Recherche sein, der am 10. Juli um 11.30 Uhr beim NDR in Hamburg stattfindet. Anmeldungen für das Jahrestreffen sind ab sofort möglich.

    Der erste deutsche Open Data Hackday (am 17./18. April) ist nun vorbei, und nach dem die meisten Teilnehmer schon während der re:publica fleißig dabei waren, sind Sie wohl größtenteils in einem Zustand euphorischer Erschöpfung wieder nach Hause gekommen. Viele neue Informationen, Anregungen, Ideen, Kontakte und viel Spaß hinterlassen halt auch ihre Spuren.

    (more…)

    Tuesday, April 20th, 2010

    Lorenz Matzat hat vergangene Woche im Blog des Open Data Network den folgenden Versuch einer Definition vorgestellt. Wir veröffentlichen den Text mit freundlicher Genehmigung; er steht unter der Lizenz CC-by-sa/3.0/de. Matzat wird Gast eines Workshops beim Jahrestreffen des Netzwerks Recherche sein, dass am 9. und 10. Juli in Hamburg stattfindet. Den genauen Termin geben wir bekannt, soblad er feststeht.

    Das Internet ist nicht arm an Buzzwords – Schlagworten, die für einige Zeit Konjunktur haben und sich eben etablieren oder wieder verschwinden. Data Driven Journalism (DDJ) geistert vermehrt seit vergangenem Jahr durch das Web. Im März 2009 startet die englische Tageszeitung The Guardian auf ihrer Website das Datablog; es ist eingebettet in einen Datastore und dürfte bislang als Referenz für DDJ gelten. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde das Thema „Datenjournalismus“ in Deutschland durch die Zeitschrift „M – Menschen Machen Medien“ im März 2010 näher gebracht. Im Periodikum des Fachbereichs Medien der Gewerkschaft ver.di mit einer Auflage von 50.000 Exemplaren ging es um die „Spannende Recherche im Netz“.

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    Friday, April 16th, 2010

    Rob McKinnon stellt vor: OffeneDaten – ein Portal für offene Daten in Deutschland

    McKinnon berichtet davon, dass in Großbritannien bereits drei Regierungsbehörden Open Hackdays veranstaltet haben, um von Hackern zu lernen, wie man Daten organisieren und zugänglich machen kann, die Hackern wiederum haben erfahren, welche Bedürfnisse Behörden haben.

    Er kritisiert allerdings die bisher sehr restriktive Politik der EU, wenn es darum geht, tatsächlich Daten zur Verfügung zu stellen.

    Kleine Linkliste zur Session mit Rob McKinnon über Open-Data-Projekte:

    • Free Risk: US-Site mit Informationen zur Kreditwürdigkeit (credit ratings)
    • Public Whip: Wahlverhalten der UK-Parlamentarier
    • Track Congress: Informationen über den US-Kongress
    • Meta-Seite: Wikipedia – Sammlung von Sites, die Gesetzgebungs- und andere Regierungsverfahren in vrschiebenen Ländern abbilden, indem sie relvante Dokumente zugänglich machen

    Anatomy of Britain – herrliches Beispiel für Datenjournalismus, bevor es das Internet gab.

    Morgen und übermorgen finden in Berlin die ersten deutschen Open Data Hackdays statt, bei der Projekte nicht nur vorgestellt, sondern auch entwickelt werden sollen.

    Am 9. und 10. Juli wird in Hamburg die Jahreskonferenz des Netzwerks Recherche stattfinden, bei der es ebenfalls einen Workshop zum Thema Open Government Data geben wird. Das Programm ist derzeit noch nicht veröffentlicht.

    Tuesday, April 6th, 2010

    Hacks 4 Democracy – Open Data Hackday ist die Überschrift, unter der das Open Data Network seine Veranstaltung ankündigt, die einem BarCamp bzw. Hackathon ähnlich sein soll. Es wird darum gehen, Daten zu erschließen, auszuwerten, zu visualisieren und mit anderen Informationen zu mischen. „So entstehen neue Webseiten, Anwendungen und Prototypen für Transparenz und Partizipation“, wie es auf der Website heißt. Und weiter:

    Mit dem Opendata Hackday “Apps 4 Democracy” wollen wir einen Beitrag dazu leisten Daten aus Politik und Verwaltung öffentlich zugänglich zu machen.

    Die Veranstaltung soll dabei in erster Linie praxisorientiert sein:

    Der Ideenwettbewerb ist eröffnet: Wer hat die besten Ideen für Webseiten / Apps / Visualisierungen / Mashups um die Daten der öffentlichen Verwaltung zugänglich zu machen und so dazu beizutragen Verwaltung und Regierung offen, transparent und bürgernah zu gestalten?

    Und, wie der Gründer des Open Data Networks, Daniel Dietrich, in seiner Ankündigungsmail schreibt: „Caution: This event is „hands on“ – if you prefer to talk about what could be done by others you might get lonely ;)“

    Hacks 4 Democracy – Open Data Hackday:
    http://opendata.hackday.net/

    Am 17. & 18. April 2010

    Samstag, 17. April, in der Kalkscheune Johannisstr. 2

    10117 Berlin

    Sonntag, 18. April, im Upstream – Agile Adalbertstrasse 7-8

    10999 Berlin

    Der Open Data Hackday wird gefolgt vom Open Democracy Camp, das am on 8. & 9. Mai stattfinden wird, ebenfalls in Berlin.

    Da kann man gespannt sein, welche neue Dynamik das Thema jetzt bekommen wird, welche Daten zur Verfügung stehen und was damit gemacht werden kann.

  • Journalismus & Recherche » Blog Archive » Informationsbeschaffung und Abwehr von Angriffen – Presserechtskonferenz des netzwerk recherche

    „Rechercheure zwischen Freiheit und Gängelung“ – unter diesem Motto steht die Fachkonferenz zum Thema Presserecht von Fr.-So., 29. bis 31. Oktober in Dortmund, zu der das netzwerk einlädt.

    Zu den Referenten zählt Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die eine Grundsatzrede zur Pressefreiheit halten wird. Cicero-Anwalt Alexander Sättele spricht über die Delikte „Beihilfe zum Geheimnisverrat“ und „Bruch des vertraulichen Wortes“ und erklärt, wie sich Journalisten gegen entsprechende Vorwürfe wehren können. Greenpeace-Rechercheur Dr. Manfred Redelfs gibt Praxis-Tipps, wie man die allgemeinen Informationsrechte nutzen kann, um an Originaldokumente zu gelangen.

    Weitere Informationen und das vollständige Programm unter:
    http://presserecht.netzwerkrecherche.de/ .

    Anmeldung ausschließlich über das Online-Formular unter
    https://www.ssl-id.de/netzwerkrecherche.de/anmeldform/ .

    Bitte machen Sie auch Ihre Kolleginnen und Kollegen auf die Veranstaltung aufmerksam!

    Tags: Fachkonferenz, Konferenz, Netzwerk Recherche, Presserecht

  • Journalismus & Recherche » Blog Archive » CAR-Tagung in Hamburg: Haiko Lietz über Social Networking Analysis

    Haiko Lietz hält den ersten Vortrag des Tages zum Thema Social Network Analysis.

    Wichtig ist ihm die Unterscheidung von Umfrageforschung und Netzwerkanalyse, da die Umfrageforschung blind für Strukturen ist, die Netzwerkanalyse aber aber get davon aus: das Gesamte ist mehr als Summe der Einzelteile.

    Das Problem beim Datamining sei aber, dass das Instrument nur dann sinnvolle Ergebnisse liefert, wenn man weiß, wonach man sucht. Aber wie z.B. identifiziert man Terroristenzellen? Sind sie zentral? Bilden sie Cluster? Die Suche ohne scharfes Profil führt schnell zu false negatives und false positives – also zu Menschen, die grundlos verdächtigt werden, oder man findet eben nicht die „wahren“ Verdächtigen / Täter. Ein Beispiel dafür sind die Untersuchungen von Valdis Krebs, der Terroristennetzwerke analysiert hat. (Zu finden hier.)
    Ein weiteres Beispiel ist die Analyse der Verflechtungen in der österreichischen Wirtschaft, die das Forschungsinstitut FAS erstellt hat (PDF).

    Haikos bisher aufwändigste Recherche: Für Greenpeace hat er die Lobbyverknüpfungen untersucht, die bei der Debatte um REACH (Registration, Evaluation, and Authorisation of Chemicals), einer EU-Chemierichtlinie, eine Rolle spielte. Ergebnis: Er hat Akteure mit Interessenkonflikten identifiziert, bei denen es vorher nicht klar war, dass diese Konflikte bestehen. Auch sei ein sehr enger Prozess der Zusammenarbeit zwischen der EU-Kommission und der Industrie sichtbar geworden. (Ein Report von Greenpeace zu REACH ist hier zu finden, aber die Ergebnisse von Haikos Untersuchung sind noch nicht eingeflossen.)

    Einwurf aus dem Publikum: Alle diese Infos sind bereits …

    Haiko Lietz: Für einen, der in der Diskussion drin steckt, ist das bekannt. Aber: Man kann sich ein Bild davon machen, wie Netzwerke aufgebaut sind, wenn man nicht vor Ort ist. Außerdem sollte es einfach viel häufiger gemacht werden, damit diee Verknüpfungen offensichtlich werden.

    Anmerkung von Manfred Redelfs (Greenpeace, auch Autor dieses Blogs): Es ist immer gut, Verknüpfungen zu analysieren und belastbar zu machen, statt immer nur anekdotisch berichten zu können.

    Haiko: Selbstverständlich kann man derartige Infos auch zur Karriereplanung nutzen, oder Unternehmen können damit ihren Informationsfluss verbessern und zielgerichteter Infos lancieren.
    Ergänzung folgt noch, ebenso Haikos Folien, die er zur Verfügung stellen wird.

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