Kategorie: Allgemein

  • Journalismus & Recherche » EU

    Friday, May 19th, 2006

    Dick arbeitet bei NRC Handelsblad, einer niederländischen Abendzeitung, und bei NRC Next, einem neuen Ableger davon, der sich an jüngere Leser richtet.

    Schon seit 1993 betreibt Dick CAR und für das Handelsblad viele kleiner und größere Projekte betreut. CAR ist für ihn ein Werkzeug, um journalistische Fragestellungen zu klären.
    (more…)

  • Journalismus & Recherche » Blog Archive » Workshop: Recherchieren in europaweiten Ausschreibungen

    Welches Unternehmen transportiert die Pakete für die Berliner Behörden? Was kostet der Bau der neuen Messehalle? Warum verzögert sich die Einführung des abhörsicheren Polizeifunks? Wie gut hält sich die Landesregierung an einen Umwelt-Beschluss des Abgeordnetenhauses? Was unternimmt die Straßenbahn gegen zerkratzte Fensterscheiben? Am Freitag konnte ich in der Reihe „Computer & Recherche“ auf dem Jahrestreffen des Netzwerk Recherche in Hamburg auf einem Workshop zeigen, wie ich dank der Datenbank mit den europaweiten Ausschreibungen die Antworten auf diese Fragen beantworten und aufschreiben konnte.

    Meine Präsentation bestand dabei aus zwei Teilen: Erstens aus vielen Praxis-Beispielen und zweitens aus dem Hintergrund über das Vergaberecht. Meine Folien zum Vergaberecht gibt es hier zum Download als PDF. Und hier nun die Beispiele und eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für die Datenbank mit den Ausschreibungen:

    Anfang Januar 2009 fragten wir uns in der Berlin-Redaktion der taz, wie das Land Berlin eigentlich seine Pakete transportiert. Kurz zuvor hatten zwei Angestellte eines privaten Zustelldienstes ein Paket mit tausenden Kreditkartendaten an die Frankfurter Rundschau geschickt statt an die Landesbank Berlin. Der Skandal war groß, viele Medien berichteten. Das Landesverwaltungsamt Berlin antwortete recht einsilbig: Die Pakete der Berliner Behörden würden „sicher“ transportiert, alles laufe sehr gut. Wir schauten daher bei den Ausschreibungen nach. Das Land hatte Paketzustellung am 12. April 2007 ausgeschrieben (PDF) und das Ergebnis der Ausschreibung am 4. Oktober 2007 veröffentlicht (PDF). Daraus ergab sich, dass die Pakete von der Menütaxi GmbH zugestellt werden und die dafür 1,99 Euro pro Paket erhalten. Bei dem Unternehmen wollte sich niemand mit uns darüber unterhalten, wie gut die Mitarbeiter qualifiziert sind und wie viel Geld sie verdienen, aber in dem auf www.unternehmensregister.de veröffentlichten Geschäftsbericht (PDF) fanden wir die Information, dass die meisten Mitarbeiter auf 400-Euro-Basis arbeiten. Das gab nun genügen Anhaltspunkte, um nochmal nachzufragen und einen Artikel zu schreiben.

    Am 19. Mai 2009 veröffentlichte die Gesellschaft für soziale Unternehmensberatung mbH eine Ausschreibung (PDF), in der sie ein Unternehmen suchte, das eine Personalvorauswahl für Callcenter vornimmt: Veröffentlichung von Stellenangeboten, Prüfung der eingehenden Bewerbungen, Assessment Center mit den Bewerbern. Auftragsvolumen: bis zu 115.000 Euro pro Halbjahr. Ich fragte mich, was dahinter steckt und warum diese Personalauswahl aus öffentlichen Geldern bezahlt wird. Die Nachfragen ergaben: Es handelt sich um eine Maßnahme zur Wirtschaftsförderung und richtet sich an Unternehmen, die sich neu in Berlin ansiedeln wollen. Vermittelt werden ausschließlich Arbeitslose. Finanziert wird dies aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und des Landes Berlin. Besondere Sozialstandards müssen die Callcenter, die von dem Angebot profitieren wollen, nicht einhalten. Vermittelt wird unter anderem zum Quelle-Callcenter, bei dem viele Beschäftigte einen Stundenlohn von knapp über 6 Euro erhalten. In einem Artikel schrieb ich das auf und kommentierte: Ein rot-roter Senat, der Mindestlohn fordert, sollte keine Dumpinglöhne fördern.

    Am 30. August 2008 veröffentlichten die Berliner Verkehrsbetriebe eine Ausschreibung (PDF) über „selbstklebende Folien aus Kunststoff“. Die grün getönten Folien sollen auf Fenster der Fahrzeuge geklebt werden, um dort die Folgen von mutwilligen Beschädigungen durch Fahrgäste („Scratching“) zu verringern. Daraus machten wir eine Kurzmeldung. Die Berliner Zeitung griff das Thema später auf und erweiterte es zu einem Lokal-Aufmacher.

    Am 3. Dezember 2008 veröffentlichte die Polizei, dass sie das Vergabeverfahren über den Einkauf von „Funksendegeräten mit eingebautem Empfangsgerät“ eingestellt hat (PDF). Laut dem Text der ursprünglichen Ausschreibung (PDF) wollte das Land Berlin „als eines der ersten Länder (…) im zweiten Halbjahr 2008 mit der Migration von Analog- auf Digitalfunk beginnen“, also den Polizeifunk abhörsicher machen. Die Nachfrage ergab: Ein unterlegener Bewerber hatte das Ergebnis der Ausschreibung angefochten, das Verfahren musste neu gestartet werden. Ein Kollege schrieb darüber, dass sich die Einführung des Digitalfunks durch diesen Fehler der Polizei verzögert.

    Im Februar 2008 fasste das Landesparlament einen Beschluss (PDF), laut dem Landesregierung und landeseigene Unternehmen ab Juni 2008 bei allen Ausschreibungen auch ökologische Zuschlagskriterien zu berücksichtigen haben. Anfang 2009 schauten wir nach, wie dieser Beschluss umgesetzt wird – und wälzten uns dafür durch alle 109 Ausschreibungen, die die einzelnen Senatsverwaltungen zwischen Juni und Dezember veröffentlicht hatten (Übersicht als xls.-Datei). Ich schrieb dann am 15. Januar darüber, dass die Vorgaben kein einziges Mal eingehalten wurden. In einem zweiten Text ging es darum, wie solche ökologischen Zuschlagskriterien bei einer Strom-Ausschreibung aussehen können und dass Finanzsenator Thilo Sarrazin beim Einkauf von Strom für die Verwaltung keine solchen Öko-Vorgaben machen will – damit hat Ökostrom schlechte Chancen. Zu dem Thema folgten dann noch eine ganze Serie von Artikeln. 19. Januar: Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit fordert genau wie CDU, BUND und die Klima-Allianz, dass Sarrazin den Beschluss des Abgeordnetenhauses berücksichtigen solle. Doch der bleibt hart. 21. Januar: Sarrazin lenkt für die Stromausschreibung ein – der Beschluss wird damit erstmals eingehalten. 9. Februar: Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung dagegen, die für die allermeisten Ausschreibungen zuständig ist, will auch weiterhin keine ökologischen Zuschlagskriterien: Der Beschluss des Landesparlament sei lediglich eine unverbindliche Vorgabe, der Senat müsse sich nur an formale Gesetze halten. Ich kommentierte, dass das Parlament seine Selbstachtung verliert, wenn es sich das gefallen lässt. 10. Februar: Die Umweltsenatorin fordert die Stadtentwicklungssenatorin auf, künftig bei ihren Ausschreibungen ökologische Zuschlagskriterien vorzugeben. 6. April: Die landeseigene Stadtreinigung BSR und die landeseigenen Kliniken Vivantes halten sich ebenfalls nicht an die Vorgaben. Kommentar: Da sollten sie sich besser Finanzsenator Sarrazin zum Vorbild nehmen. 23. April: Das Ergebnis der Strom-Ausschreibung ist da: Dank der Öko-Kriterien ist es reiner Ökostrom von Vattenfall geworden. 16. Mai: Die Umweltsenatorin, die im Aufsichtsrat der Stadtreinigung BSR sitzt, will sich dort nicht dafür einsetzen, dass das Unternehmen künftig ökologische Zuschlagskriterien vorgibt: Der Aufsichtsrat sei nicht befugt, derart in das operative Handeln der Geschäftsführung einzugreifen. Außerdem stellt sich heraus: Vattenfall liefert dem Land Berlin keinen Ökostrom im engeren Sinne, sondern seinen normalen Strommix, der allerdings mit EECS-Zertifikaten grün angestrichen wird.

    Am 9. Mai 2009 veröffentlichte die landeseigene Messe Berlin GmbH eine Ausschreibung (PDF), mit der sie einen Architekten für den Bau einen neuen Messehalle suchte. Bis dahin war noch nicht öffentlich bekannt, dass die Halle rund 45 Millionen Euro kosten soll und eine Hauptnutzungsfläche von 18.000 Quadratmetern erhalten soll. Wir machten eine Meldung daraus.

    Der Wert von Ausschreibungen für Journalisten

    Der große Vorteil der Ausschreibungen ist, dass gesetzlich festgelegt ist, wann und in welcher Form Behörden eine Ausschreibung veröffentlichen müssen. Ausschreibungen sind daher eine gute Ergänzung zu Pressemitteilungen, weil man darin auch über Vorgänge erfährt, über die eine Behörde nicht von selbst eine Pressemitteilung herausgibt. Oft wird auch nach dem Abschluss des Verfahrens veröffentlicht, wer den Auftrag bekommen hat und für wie viel Geld der Auftrag vergeben wurde. Und nicht nur Behörden müssen ihre Aufträge ausschreiben, sondern auch andere öffentliche Auftraggeber (Details zu der Frage, wer wann was ausschreiben muss, gibt es in der bereits oben verlinkten Präsentation (PDF).

    Tenders Electronic Daily: So können Journalisten Ausschreibungen finden

    Großes Lob an die EU: Die Ausschreibungen werden in einer Form veröffentlicht, die das systematische Durchsuchen besonders leicht macht und keine Wünsche offen lässt. Das Portal für die europaweiten Ausschreibungen ist http://ted.europa.eu/. Dort kann man sich mit einem Benutzernamen und einer Mailadresse kostenlos registrieren. Nachdem das Benutzerkonto mit einer Mail freigeschaltet wurde, kann man sich einloggen. Zur Suche nehme ich immer die „Erweiterte Suche“. Und so sieht das Suchfeld aus (Bild anklicken, um es zu vergrößern):

    Wichtig ist die Einstellung des Suchbereichs. Eine Suche unter „Letzte Ausgabe“ umfasst lediglich die Ausschreibungen eines Tages, es empfiehlt sich daher die Suche im Archiv. Die Rubriken, die ich für die Suche meistens nutze, sind Ort (z.B. Berlin), Name des Auftraggebers (z.B. Vattenfall) oder Volltext (z.B. Gutachten). Auf der folgenden Seite werden die Ergebnisse angezeigt und man kann auch eine Suche speichern:

    Um die Suche zu speichern, kann man im nächsten Schritt ein Namen für das Suchprofil eingeben. In der Liste „Gespeicherte Suchprofile“ (links im Menü) kann man dann einstellen, wie man über neue Ergebnisse informiert werden möchte:

    „News Alert“ bedeutet dabei, dass man per E-Mail benachrichtigt wird, sobald ein neuer Treffer vorliegt. Zudem kann man einstellen, wie schnell man dann benachrichtigt wird – täglich, wöchentlich, zweiwöchentlich oder monatlich. Man kann seine individuellen Suchergebnisse auch per RSS abonnieren.

    Ich selbst habe mir ein Suchprofil eingestellt, das relativ breit definiert ist: Ich bekomme alle Aufträge, die Berlin betreffen. Das umfasst die Aufträge von Bezirken, Landes- und Bundesbehörden und es sind meist so zehn bis zwanzig Ausschreibungen pro Tag. Ich scanne jeweils nur ganz kurz über Auftraggeber und Kurzbeschreibung und entscheide dann, ob ich weiterlese. Meistens lese ich nicht weiter und ich bin dann recht schnell durch. Die meisten Ausschreibungen sind für den journalistischen Gebrauch irrelevant, es geht da etwa um die Renovierung von Turnhallen, um den Einkauf von Druckern für ein Bezirksamt oder den Kauf von irgendwelchen technischen Geräten für wissenschaftliche Forschungseinrichtungen. Manche Bauprojekte werden auch in zig Teilaufträge aufgesplittet, die dann über Wochen einzeln veröffentlicht werden – so etwa der Umbau des Flughafens Schönefeld oder der Wiederaufbau des Ostflügels des Berliner Museums für Naturkunde.

    Man darf als Journalist, der dieses Instrument nutzen will, keine Scheu davor haben, sich durch eine große Menge von ziemlich trocken geschriebenen Ausschreibungstexten zu arbeiten und dabei auch ziemlich viel umsonst zu lesen. Dafür winken dann auch einige Perlen – also Vorgänge von öffentlichem Interesse, auf die man anders nicht aufmerksam geworden wäre und auf die einen die Behörde auch selbst nicht hingewiesen hätte. Und davon gibt es mehr als genug: Vielen Sachen können wir nicht nachgehen, einfach weil in der tagesaktuellen Produktion die Zeit dafür fehlt. Dann konzentrieren wir uns auf das, was uns interessiert – und andere Themen, die vieleicht genauso relevant wären, fallen hinten runter. Ich bin davon überzeugt: Die Ausschreibungen bieten so viel Stoff – es kann gar nicht genug Journalisten geben, die da ein Auge drauf haben.

  • Journalismus & Recherche » Blog Archive » Europaweite Ausschreibung offenbart, dass Merkel Klimakillerstrom bezieht

    Das Kanzleramt und viele weitere Ministerien beziehen Strom, der besonders billig ist und überdurchschnittlich viel CO2 verursacht. Diese Nachricht, die heute in der taz steht, zeigt wieder einmal, was für ein großartiges Instrument europaweite Ausschreibungen sind, um damit auf Themen aufmerksam zu werden. Bei der Recherche war diesmal leider wieder einmal eine Klage vor dem Verwaltungsgericht notwendig, um den Preis und den CO2-Ausstoß des Kanzleramtsstroms zu erfahren. Daher dauerte es auch sieben Monate von meiner ersten Anfrage bis zur Veröffentlichung.

    Aber der Reihe nach: Behörden sind ja verpflichtet, größere Einkäufe von Waren oder Dienstleistungen europaweit auszuschreiben. Auf der Webseite der Europäischen Union, wo all diese Ausschreibungen veröffentlicht werden, kann man sich eine automatische Suche mit individuellen Kriterien einrichten und wird bei jedem Treffer per Mail benachrichtigt (zur Nutzung der Webseite siehe auch diese Dokumentation meines Workshops auf der Jahreskonferenz des Netzwerk Recherche).

    So war ich über eine Ausschreibung der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben gestolpert, die auf diesem Wege Stromlieferanten suchte. Es ging dabei laut Auftragsbeschreibung (PDF) um die „Lieferung elektrischer Energie für ca. 160 Abnahmestellen – Liegenschaften der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, verschiedene Bundesbehörden und Zuwendungsempfänger – in den Landesgrenzen der Stadt Berlin“. Insgesamt sollten 178 Millionen kWh pro Jahr geliefert werden – aufgeteilt auf mehrere Lose, also Unterausschreibungen. 3 Millionen kWh sollten aus Erneuerbaren Energien kommen. Für die restlichen 175 Millionen kWh suchte die Anstalt Lieferanten für Strom „ohne vorgegebene Herkunft“.

    22. Mai 2009: Ich frage erstmals bei der Bundesanstalt an: Für welche Behörden wird der Strom eingekauft, was kostet er und wie viel CO2-Ausstoß verursacht er?

    27. Mai: Die Bundesanstalt antwortet und listet auf, für wen sie Ökostrom und für wen sie den Strom ohne besondere Herkunft einkauft. Der Ökostrom geht an das Bundesverkehrsministerium. Der Egalstrom gehe an das Bundeskanzleramt, das Auswärtige Amt, die Bundesministerien für Justiz, Bildung, Ernährung, Arbeit, Gesundheit, Wirtschaft, an das Presse- und Informationsamt, an die Bundespolizei, die Bundesnetzagentur, an viele Landesvertretungen und weitere Behörden. Die Bundesanstalt weigert sich allerdings, den Preis für den Strom zu nennen: „Aus vergaberechtlichen Gründen ist mir leider nicht möglich, Ihnen die nachgefragten Auftragswerte bekannt zu geben.“ Außerdem behauptete die Bundesanstalt, ihr sei nicht bekannt, aus welchen Energiequellen wie der Egalstrom erzeugt wurde: Weil „Strom ohne vorgegebene Herkunft nachgefragt wurde, verfügt die Bundesanstalt naturgemäß über keine diesbezüglichen Informationen; dies gilt auch in Bezug auf die Angabe bestimmter Erzeugungsarten und der CO2-Emissionen“.

    8. Juni: In einem Brief an die Bundesanstalt erläutere ich den Umfang der Auskunftspflicht nach dem Pressegesetz und bitte um erneute Überprüfung.

    18. Juni: Die Bundesanstalt beharrt darauf, dass sie die Strompreise nicht nennen könne. Die EU-rechtlichen Vergabevorschriften würden einem presserechtlichen Auskunftsanspruch entgegenstehen. Der Inhalt der Angebote und insbesondere die Preisgestaltung unterliege gemäß der Artikel 6, 35 Abs. 4 und 41 Abs. 3 der Richtlinie 2004/18/EG zur Vergabe öffentlicher Aufträge dem Gebot der vertraulichen Behandlung. Außerdem müssten die Stromlieferanten darauf vertrauen können, dass die Bundesanstalt Informationen, die üblicherweise vertraulich behandelt werden, nicht an die Presse gibt.

    21. Juni: Ich antworte, die Vertraulichkeitsklausel in der EU-Richtlinie würde bereits dem Wortlaut nach nur „nach Maßgabe des innerstaatlichen Rechts“ gelten. Die EU habe mit dieser Richtlinie also nicht die Auskunftspflicht von deutschen Behörden gegenüber der Presse einschränken wollen. Es müsse auch das Grundrecht der Pressefreiheit nach Artikel 5 des Grundgesetzes berücksichtigt werden. Es gebe auch keinen Vertrauensschutz für die Stromlieferanten. Denn die wüssten doch, dass die Bundesanstalt eine Behörde ist. Die Stromlieferanten könnten nicht ernsthaft davon ausgehen, dass die Bundesanstalt ihrer gesetzlichen Auskunftspflicht nicht nachkäme. Und falls sie doch davon ausgehen, so sei dieser Irrtum jedenfalls nicht schützenswert. Die Bundesanstalt solle daher innerhalb der nächsten zwei Wochen die Auskunft erteilen.

    13. Juli: Die Bundesanstalt teilt mit, „dass Vertragsinhalte grundsätzlich als Geschäftsgeheimnis der hiesigen Vertragspartner zu werten sind“. Bei Geschäftsgeheimnissen handele es sich um ein „schutzwürdiges privates Interesse“ (und dies ist im Pressegesetz ausdrücklich als Ausnahme von der Auskunftspflicht genannt). Die Bundesanstalt: „Ein presserechtlicher Auskunftsanspruch ist damit zu verneinen.“

    Am gleichen Tag schicke ich die Klage auf Auskunft an das Verwaltungsgericht Köln (das ist für die in Bonn sitzende Bundesanstalt zuständig). Ich argumentiere: Es gebe ein erhebliches öffentliches Interesse an der Auskunft, wie teuer der von der Bundesanstalt eingekaufte Strom sei. Die Bundeskanzlerin habe in ihren Reden im Bundestag und in Gastbeiträgen für Zeitungen wiederholt betont, dass der Klimaschutz eines der wichtigsten Themen für ihr Kabinett sei. Die Öffentlichkeit habe ein großes Interesse daran, zu erfahren, warum die Bundeskanzlerin und Teile ihrer Regierung trotz der nach außen postulierten Ansprüche für die eigenen Liegenschaften keinen Ökostrom einkaufen. In der Regel werde dies damit begründet, dass Ökostrom zu teuer sei. Damit jeder Bürger sich dazu eine eigene Meinung bilden könne, müsse der genaue Preisunterschied bekannt sein. Auch ganz allgemein gebe es immer ein hohes Informationsinteresse der Öffentlichkeit an allen staatlichen Aufgaben. Es handele sich schließlich um Steuergeld, das die Allgemeinheit aufgebracht habe. Bei der Frage, ob die Auskunft ein schutzwürdiges privates Interesse verletzt, komme es auf eine Abwägung zwischen dem Informationsinteresse der Öffentlichkeit und dem Interesse der Unternehmen auf Geheimhaltung an. Die Auskunft greife nicht sonderlich tief in die Interessen der Stromlieferanten ein. Aus dem Preis sei weder die interne Preiskalkulation ersichtlich noch der Fakt, ob ein Unternehmen Gewinne oder Verluste macht. Man könne daran höchstens sehen, welche Preise für Großverbraucher auf dem Markt gelten. Es gebe zwar ein gewisses Interesse, diese Preise für Großverbraucher gegenüber dem Privatverbraucher geheim zu halten (weil der höhere Preise zahlen muss). Im Vergleich zum hohen öffentlichen Informationsinteresse sei dieses Geheimhaltungsinteresse der Stromlieferanten aber nicht schützenswert. Das Gericht solle die Bundesanstalt daher verurteilen, die Auskunft zu geben.

    Das Gericht setzt der Bundesanstalt eine Frist bis zum 27. August, um auf die Klage zu antworten.

    14. August: Die Bundesanstalt hat die Großkanzlei Redeker Sellner Dahs & Widmaier eingeschaltet, die nun eine Fristverlängerung beantragt. Der Anwalt, der den Fall bearbeitet, sei gerade erst aus dem Urlaub zurückgekehrt, betreue auch zahlreiche andere Verfahren. Man wolle daher erst bis zum 24. September antworten – drei Tage vor der Bundestagswahl. Das Gericht gewährt die Fristverlängerung.

    23. September: Ein Tag vor Ablauf der Frist bittet die Rechtsanwaltskanzlei um eine weitere Fristverlängerung um vier Wochen bis zum 22. Oktober 2009. Bei der Bearbeitung der Klage habe sich herausgestellt, dass „eine Rücksprache mit verschiedenen weiteren Beteiligten erforderlich ist“. Man werde sich bemühen, die Fristverlängerung „nicht auszuschöpfen, sondern so zügig wie möglich die Klageerwiederung vorzulegen“. Das Gericht gewährt die erneute Fristverlängerung.

    19. Oktober: Drei Tage vor Ablauf der Frist schickt die Kanzlei ihren nächten Brief – und teilt die Preise mit, die der Strom in den einzelnen Teilen der Ausschreibung kostet. Anstatt vor Gericht gegenzuhalten, ist die Bundesanstalt also eingeknickt und gibt nun doch die Informationen.

    27. Oktober: Ich schreibe, dass ich mich über die Auskunft freue und damit die Klage nahezu erledigt ist. Jetzt habe ich noch ein paar Nachfragen, mit denen es ermöglicht werden soll, den Durchschnittspreis für den Billigstrom zu berechnen. Außerdem frage ich nochmal nach, ob die Bundesanstalt wirklich nicht weiß, wie viel CO2 der Billigstrom verursacht. Schließlich sind Stromlieferanten gemäß § 42 Abs. 1 des Energiewirtschaftsgesetzes verpflichtet, in ihren Rechnungen und in ihrem Werbematerial den Anteil der einzelnen Energieträger und den CO2-Ausstoß pro Kilowattstunde bekannt zu geben.

    25. November: Die Bundesanstalt beantwortet alle Fragen. Auch die Informationen über den CO2-Ausstoß, die zuvor der Behörde angeblich überhaupt nicht vorlagen, erhalte ich jetzt. Der Billigstrom verursacht 674 Gramm CO2 pro Kilowattstunde (der Bundesdurchschnitt liegt bei 541 Gramm). Der Ökostrom, der keinen CO2-Ausstoß verursacht, ist dafür im Schnitt 14 Prozent teurer. Nach gut sechs Monaten sind damit alle Fragen beantwortet, die ich am 22. Mai gestellt hatte. Jetzt geht es darum, die einzelnen Bundesministerien anzufragen, warum sie Ökostrom bzw. keinen Ökostrom eingekauft haben.

    16. Dezember: Der Text erscheint in der taz und wird dort auch zum Titelthema auf Seite 1.

    Den Schriftverkehr von der ersten Anfrage über die Klage bis zur ersten Auskunft gibt es auch zum Download als PDF (dabei sind die Namen der Behördenmitarbeiter und Rechtsanwälte geschwärzt; meine Mailadresse ist zum Spamschutz verändert).

    Siehe auch

    So kann man in europaweiten Ausschreibungen recherchieren

    Auskunftsklage gegen die Freie Universität Berlin: Die wollte zunächst nicht mitteilen, wie viel Geld sie damit verdient, dass sie besonders leistungsstarke Studierende auswählt und denen Werbebriefe von McKinsey und BostonConsulting schickt.

    Reader: Auskunftsrechte kennen und nutzen (PDF) mit Beispielen, wie Journalisten bei der Recherche das Pressegesetz, das Informationsfreiheitsgesetz, das Umweltinformationsgesetz oder die Grundbuchauskunft benutzen können.

    Tags: Auskunftsrechte

  • Journalismus & Recherche » Blog Archive » Wann und warum es sich lohnt, Yahoo zu nutzen …

    Ja, ich bleibe dabei – die meisten Journalisten sollten erstmal eine Suchmaschine verstehen und bedienen lernen bevor sie versuchen, durch die Nutzung mehrerer Suchmaschinen zu (besseren) Ergebnissen zu kommen.

    Bislang habe ich die Nutzung verschiedener Suchmaschinen immer dann empfohlen, wenn man „alles über“-Rechercheren macht, sprich wenige Treffer, ein überschaubares Thema und ein großes Interesse an den Ergebnissen.

    Gerade bei Treffern abseits der wichtigsten Seiten, die wohl jede Suchmaschine indiziert, lohnt sich das, denn die Überschneidungen zwischen den Suchmaschinen, die überhaupt eigene Indizes haben (Yahoo, Google, MSN, Seekport, Ask.com ehemals Teoma), sind minimal. Diese schöne Begründung verdanke ich Dirk Lewandowsky, dem ich in einem Seminar zuhören durfte (Präsentation hier).

    Erfreulich auch seine Erfahrung, dass yahoo manches besser macht, als google. Ich gebe zu, die nachfolgenden Punkte sind selten relevant, aber über die Ergebnisse bei google habe ich mich dann doch zu oft geärgert – jetzt weiß ich, yahoo kann das besser!

    ODER-Suche

    Die Oder-Suche funktioniert bei Google nicht ordentlich, wobei am ärgerlichsten ist, dass dies nur schwer und selten auf Anhieb zu erkennen ist.

    Synonyme wider Willen

    Google findet bei der Suche nach „Stefan Mayer“ auch Stephan Meier und andere vermeintliche Synonyme. Das heißt, trotz Anführungszeichen ist keine Phrasensuche möglich.

    Das schlimmste an diesen Fehler ist, dass man die Funktionalität der Operatoren bei google bezweifeln muss – eine Verunsicherung, die ganz schön am Lack des Marktführers kratzt.

    Noch ein Tipp: Für Firefox gibt es die Erweiterung Customize Google, damit lassen sich identische Suchanfragen nacheinander bei verschiedenen Suchmaschinen stellen. Die Einstellungen erlauben es leider nicht, dies auf die Maschinen mit eigener Datenbasis (s.o.) zu beschränken.

    Tags: Ask.com, Customize Google, Firefox, Google, Internetsuche, MSN, Seekport, Suche, Suchmaschine, Web, WWW, Yahoo

  • Journalismus & Recherche » Blog Archive » Dick van Eijk – Auswertung von EU-Parlamentsprotokollen

    Dick arbeitet bei NRC Handelsblad, einer niederländischen Abendzeitung, und bei NRC Next, einem neuen Ableger davon, der sich an jüngere Leser richtet.

    Schon seit 1993 betreibt Dick CAR und für das Handelsblad viele kleiner und größere Projekte betreut. CAR ist für ihn ein Werkzeug, um journalistische Fragestellungen zu klären.

    Ein Beispiel: Am 29. Mai 2005 meldete das Handelsblad: Niederlande stark im europäischen Parlament – mit einer Grafik zur „extra-Stimmkraft für die Niederlande“. Dick konnte zeigen, dass die Niederlande mehr Macht im EU-Parlament hat, als man anhand der Zahl der niederländischen Abgeordneten vermuten würde. Der Grund: die Abgeordneten nehmen häufiger an Abstimmungen und Ausschuss-Sitzungen teil.

    Um zu diesem Ergebnis zu kommen, musste eine 5-jährige Sitzungsperiode ausgewertet werden mit

    • 626 Abgeordneten,
    • 314 Sitzungen,
    • 6118 namentlichen Abstimmungen (21 geheim) und
    • potenziell fast 4 Millionen Abstimmungsdatensätzen.

    Fragen:

    • Wie oft sind Abgeordnete präsent?
    • Wie oft nehmen sie teil an namentlichen Abstimmungen?
    • Höchste und niedrigste Stimmkraft von Mitgliedsländern?
    • Abstimmung nach Parteilinien oder nationalen Linien?
    • Nationaler Einfluss von Abgeordneten?

    Welche Daten wurden verwendet? Präsenzlisten und Verhandlungsprotokolle. Website des Europaparlaments: europarl.europa.eu. Dort sind die Daten aber nur sehr schwer zugänglich. Fünf Jahre zuvor hatte er dort noch die Daten auf einer CD bekommen. Bei der nationalen Vertretung des Europaparlaments kam Dick nicht weiter, hat aber so lange gebohrt, bis sie ihm angeboten haben, direkt dort auf das Intranet zuzugreifen und sich die Daten zu kopieren. Die Listen und Protokolle liegen vor als Word Perfect-, Word- und Excel-Dateien. Keiner dieser Datensätze ist vollständig, aber eine Kombination aller Formate ergab eine vollständige Abdeckung aller 314 Sitzungen. Es gab allerdings kein komplettes Dokument in einer Sprache. Die höchste Abdeckung liegt auf Französisch vor.

    Diese Daten mussten zusammen gefügt, bereinigt und in Microsoft Access importiert werden. Dabei war eine besondere Hürde, dass die Schreibweisen der Namen von Abgeordneten unterschiedlich ist, d.h. es war viel Handarbeit nötig, die nicht von einem Robot/Agent übernommen werden kann. Essenz seines Vortrags: es ist unglaublich viel Handarbeit nötig. Vor allem ist auch die Computerpower viel größer geworden. Dick berichtet von einem Durchlauf, bei dem er mit „Suchen & Ersetzen“ eine Datei bereinigen wollte. Nachdem er um 20 Uhr abends dem PC den Auftrag gegeben hatte, ging er nach Hause und kam am nächsten Morgen um 8 Uhr wieder ins Büro. Der Computer war noch nicht fertig, um 10 Uhr war er kaputt. Heute braucht sein Notebook-PC für einen vergleichbaren Auftrag nicht länger als eine Minute.

    Insgesamt war er überrascht davon, in welch schlechtem Zustand die Daten waren, die er von der EU bekam. Das ist seitdem nicht besser geworden.

    Frage: Wie war die Unterstützung der Chefredaktion?

    Dick: Am Beginn der Recherche stand der Tipp, dass die Daten vorhanden sind. Dann wurde in einer Brainstorming-Sitzung besprochen, was denn Fragen der Journalisten sein könnten, vorausgesetzt, man kann die Daten nutzen? Insgesamt waren etwa zwölf Personen an einem derartigen Projekt beteiligt, die Datenbereinigung hat Dick allein gemacht. Was das Budget angeht: Handelsblad leistet sich sechs bis sieben Redakteure, die nur mit investigativen Aufgaben betraut sind. Er ist einer davon, daher hat das Budget keine Rolle gespielt, denn es hat „nur“ seine Zeit gekostet. Die Ergebnisse, d.h. die Geschichten auf der Seite Eins, haben viel Aufmerksamkeit erregt und sind breit kommentiert und wahrgenommen worden, so dass alle mit dem Ertrag der Arbeit zufrieden sein konnten.

    Wichtig sei es, die Daten besonders sorgfältig zu bereinigen, um nicht zu falschen Ergebnissen zu kommen.

    Tags: Access, CAR, Data Mining, Datenbank, Dick van Eijk, EU, EU-Parlament, Europäische Union, Europaparlament, Excel, Niederlande, Word

  • Journalismus & Recherche » Blog Archive » David Crawford – Wie man Software für journalistische Projekte nutzt

    David, früher freier Journalist und heute Korrespondent des Wall Street Journal Europe, erzählt, dass er bei der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung war, Kenntnisse hatte und gerne „gefummelt“ habe. CAR in seinem Verständnis praktiziert er seit den 80er Jahren. Als er dann etwa mit einer Stasi-Recherche begonnen hat, sei das sehr hilfreich gewesen.

    „Heimatkunde – die unendlich lange Liste ehemaliger Stasi-Objekte“, war eine Recherche, die als Sonderausgabe der taz erschienen ist. Schöne Anekdote dazu: er freute sich, dass er Daten auf Disketten gefunden hatte, und sehr enttäuscht, als er feststellte, dass sie verschlüsselt waren. Beim Chaos Computer Club in Hamburg habe man dann zehn Minuten gebraucht, um sie zu entschlüsseln.

    Heute recherchiert David zum Thema Terrorismus. Dabei gebe es zwei große Probleme: erstens stehen wenige Informationen zur Verfügung. Zweitens sind alle Beteiligten sehr schnell bereit zu klagen. Daher müssen alle Geschichten gerichtsfest belegt sein. Das versucht er dadurch zu erreichen, dass beinahe sämtliche Daten gescannt und gespeichert werden. Das Wall Street Journal leistet es sich, diese Daten von Dienstleistern aufbereiten zu lassen.

    Als in Deutschland ein Teil der Ermittlungsakten zum Attentat vom 11. September für Nebenkläger geöffnet wurde, ist David durch Beziehungen zu ihnen in den Besitz von fast 100 Aktenordnern bekommen. Er sei wahrscheinlich bis heute der einzige, der diese Daten hat.

    David erzäht nicht, wie er jeweils an die Daten gekommen ist; das sei bei jeder Recherche anders und hat mit dem Einsatz von Computern in seiner Arbeit nichts zu tun. Aber er demonstriert, dass er beinahe alle Dokumente als Scans in seiner Datenbank gespeichert und aufbereitet hat. So konnte er feststellen, dass bei einem bestimmten Verdächtigen (den Namen habe ich nicht verstanden), der in Düsseldorf angeklagt war, seinen Arbeitsvertrag bereits gespeichert hatte. Beim Datenbankabgleich konnte er Kollegen finden, die mit ihm zusammen gearbeitet hat, die er dann interviewen konnte. Nicht als Verdächtige, sondern als Zeugen.

    Tags: CAR, Computer, Data Mining, Stasi, Wall Street Journal, Wall Street Journal Europe, WSJ

  • Journalismus & Recherche » Blog Archive » Henk van Ess – Forensic Searching

    Henk demonstriert einige Methoden, mit deren Hilfe man einschätzen kann, wie zuverlässig die Informationen auf einer Website sind. Schönes Beispiel: Welchen biografischen Informationen über Martin Luther King kann man trauen? Er zeigt erstmal nur die Web-Adressen (URLs) der Seiten:

    • martinlutherking.org
    • martinlutherking.tk
    • 213.198.79.178/members9/~melski/martinlutherking.htm
    • www.psd267.wednet.edu/~kfranz/SocialStudies/MLKJr/martinlutherking.htm

    Die 213.198.79.178/etc.-Adresse ist unvollständig; wird nachgereicht, sobald Henk seine Präsentation schickt.

    Erstes Beispiel: die .org-Domain wird erstellt von Stromfront, einer rechtsradikalen US-Organisation, denn jeder kann sich eine .org-Domain anmelden, die Registrierung ist „offen“. Die .tk-Seite zeigt er gar nicht, sondern charakterisiert die .tk-Registrierungsagentur als „die Kokaindealer des Webs“. „.tk“ steht für Tokelau; praktisch jeder Antragsteller bekommt dort eine Domain, es ist also höchste Vorsicht geboten. Bei der dritten URL schließlich deuten die Bestandteile „members9“ und die Tilde (~) darauf hin, dass es sich um eine private Homepage handelt. Bei der letzten schließlich zeigt die .edu-Domainendung, dass es sich um die Seite einer Bildungsinstitution handelt, denn .edu-Adressen bekommen nur Universitäten und Bildungseinrichtungen (zuerst nur die der USA und Kanadas, inzwischen auch in anderen Ländern – aber der Nachweis muss vorliegen, dass es sich um eine Bildungseinrichtung handelt). Mir fehlt der Hinweis, dass es sich auch bei der Seite mit .edu-Adresse um die Homepage eines Studenten handeln kann. Ob die dann glaubwürdiger ist als andere, muss nach anderen Kriterien beurteilt werden.

    Jedenfalls sind .org-, .com- und .net-Domains niemals „geschützt“ gewesen, d.h. jeder konnte und kann sie sich registrieren lassen. Meine Anmerkung dazu: Auch die Abfragen der Domain-Inhaber führen häufig ins Leere, u.a. deshalb, weil es inzwischen so genannte Proxy(Stellvertreter-)-Dienste gibt, die nichts anderes tun, als für andere als Strohmann Domains anmelden und es damit ohne Unterstützung staatlicher Ermittler nahezu unmöglich machen, Domain-Inhaber zu identifizieren. Henk empfiehlt den „Social Engineering“-Ansatz: womöglich kommt man zum Erfolg, wenn man den technischen Admin anruft und nachfragt, wer die Domain registriert hat. Ist aber bei denjenigen, die es darauf anlegen, ihre Spuren zu verwischen, sehr unwahrscheinlich, damit zum Erfolg zu kommen. Eine gute Seite zur Abfrage von Registrierungsinformationen ist samspade.org.

    Bei einer .de-Domain ist es aber noch in den meisten Fällen möglich, den Domaininhaber heraus zu bekommen, weil die Bestimmungen vorsehen, dass bei Denic (der deutschen Registrierungsagentur) verlässliche Daten hinterlegt werden, die über eine Domainabfrage bei Denic auch angezeigt werden. Allerdings ist es so, dass die Denic bzw. die privaten Anbieter, die Domains für Privatpersonen dort registrieren, bei Anmeldungen nicht verlangen, dass z.B. ein Personalausweis vorgelegt wird.

    Schöner Hinweis auf Alexa Search, wo unter „Traffic Ranking“ für eine bestimmte Seite auch angezeigt wird, wer welche Websites registriert hat (etwa der Spiegel-Verlag mit spiegel.de, manager-magazin.de, wahreliebe.de und vielen anderen). Selbstverständlich können Anbieter auch diese Möglichkeit unterlaufen, wenn sie sich mit unterschiedlichen Angaben registrieren lassen. Die Chance, dennoch interessante Informationen zu bekommen, sollte man sich aber nicht entgehen lassen, denn viele Anbieter kennen die vielfältigen Möglichkeiten zur Recherche eben gar nicht.

    Im nächsten Teil zeigte Henk, wie man herausfinden kann, was die Anbieter von bestimmten Informationen gerne verbergen würden. Sein spektakulärster Fall: der Calipari-Report, in dem untersucht wird, wie es dazu kommen konnte, dass italienischen Geheimdienstmitarbeiter im Irak von US-Soldaten erschossen wurde. Das Dokument wurde als PDF-Fassung mit geschwärzten Stellen veröffentlicht. Kopierte man den Text jedoch in ein Word-Dokument, verschwanden die Schwärzungen. Zum Vorschein kamen u.a. Angaben dazu, wie viele US-Soldaten (?) bis dahin im Irak ums Leben gekommen waren, Informationen also, die zu dem Zeitpunkt noch als vertraulich behandelt wurden.

    Auch der Hinweis auf die Meta-Daten in Dateien (etwa in Word-Dokumenten) durfte nicht fehlen. Wie findet man zum Beispiel heraus, wer der Autor eines Dokuments ist? Indem man das Menü „Datei, Eigenschaften“ aufruft. Hat der Autor vergessen, die Informationen zu löschen, kann man dort neben dem Namen bisweilen auch die E-Mail-Adresse herausfinden. Schöne Anmerkung Henks: Sollte jemandem jemals dieses Informationen helfen, um einem Autor auf die Spur zu kommen, und der fragt, woher man die Informationen habe: nicht verraten! Denn je weniger davon wissen, desto geringer wird die Wahrscheinlichkeit, auf diese Art an verwertbare Information zu kommen. Außerdem empfiehlt Henk aus derartigen Gründen Kollegen, sich möglichst immer (auch) die elektronische Ausgaben eines Dokuments geben zu lassen.

    Zusätzlich sollte man immer kontrollieren, ob ein Dokument in verschiedenen Versionen abgespeichert ist (Word bettet üblicherweise verschiedene Bearbeitungsstufen in ein Dokument ein, die nachträglich sichtbar gemacht werden können, wenn der Autor vergessen hat, sie zu löschen). Henks Beispiel für einen Geschichte, die daraus entstand, war die einer Stellungnahme (die Details habe ich leider nicht mitbekommen), in deren veröffentlichtem Text man lesen konnte, dass der Premierminister eine bestimmte Haltung unterstützt. In einer früheren Version des Dokuments ist zu lesen, dass das Kabinett sie unterstützt. Anhand der Tatsache, dass diese Passage wieder gestrichen wurde, konnte man zumindest schließen, dass das Kabinett die Unterstützung verweigert hatte. Ich komme im Moment nicht darauf, welche Aufsehen erregende Geschichte in Deutschland darauf beruhte, dass der Autor eines Dokuments vergessen hatte, die Versionen zu bereinigen. Vielleicht kann das einer der Kollegen ergänzen – oder unsere Leser, indem es jemand als Kommentar einfügt. Bitte recherchieren! (Ich kann grad’ nicht, sitze offline im Zug …)

    Seine Buchempfehlung zum Thema: „Internet Forensics“, erschienen bei O’Reilly.

    Henks Präsentation als PDF (1,1 Mb, Englisch).

    Tags: CAR, Copy & Paste, Data Mining, Domain, Metadaten, PDF, Schwärzung, TLD, Top-Level-Domain, URI, URL, Web-Adresse, Word

  • Journalismus & Recherche » Blog Archive » Computer & Recherche auf dem nr-Jahrestreffen 2009

    Auf dem Jahrestreffen des netzwerk recherche ist eine Veranstaltunsgsreihe dem Thema „Computer & Recherche“ gewidmet. So, wie in den letzten Jahren auch. Die nr-Jahreskonferenz ist damit eine ernst zu nehmende Fachkonferenz zu diesem Thema geworden. Hier das Programm:

    Freitag, 05.06.2009

    Googlen um besser zu berichten Marcus Lindemann (Autorenwerk GmbH & Co)

    Präsentation nun hier in zwei Teilen: Teil 1 und Teil 2

    Computer Assisted Reporting in Deutschland – Ein Überblick über die CAR-Landschaft Ludger Fertmann (Journalist), Thomas Mrazek (Journalist), Lars-Marten Nagel (dpa), Sebastian Möricke-Kreutz (dpa), Moderation: Christina Elmer (dpa)

    Sebastian Heiser (taz) präsentierte seine Recherche über die Berliner Baumdaten, über die er hier am 05.09.2008 schon gebloggt hatte: Baumdaten: UIG trifft CAR.

    Europaweite Ausschreibungen als Recherchequelle
    Sebastian Heiser (taz): Recherche in europaweiten Ausschreibungen (PDF-Datei, 12 S., 108 KB). Die Präsentation besteht nur aus dem theoretischen Teil, daher auch Beispiele aus der Praxis auf

    www.sebastian-heiser.de/ausschreibungen.

    Top 10-sites for Editors – Online-Recherche spezial Paul Myers (BBC)

    Linkliste nun hier

    wikileaks : Wie funktioniert es und welche Konsequenzen hat es?
    Daniel Schmitt (wikileaks). Moderation: Lars-Marten Nagel (dpa)

    Recherche-Tools 2.0 im Überblick Jan Michael Ihl (taz) (leider abgesagt), Markus Thierbach (Journ.)

    Markus Thierbach hat dapper und delicious vorgestellt. Punkt.

    Who is who? Personen-Recherche im Internet Thomas Mrazek (Journ.), Andreas Skowronek (Journ.)

    Kommentierte Linkliste von Thomas Mrazek auf seinem Blog netzjournalist.twoday.net:

    Jahrestreffen Netzwerk Recherche – Personenrecherche in Sozialen Netzwerken.
    Präsentation Personen finden mit Twitter (Flash, bei Slideshare) und Linkliste zum Workshop (bei Mr. Wong) von Andreas Skowronek.

    Sonnabend, 06.06.2009

    Search Makros and Domain Services, engl. Paul Myers (BBC)

    Linkliste nun hier

    Informationsbeschaffung ohne Google
    Albrecht Ude (nr), Marcus Lindemann, (Autorenwerk GmbH & Co), Sebastian Möricke-Kreutz (dpa)

    Minimalstandards der Online-Recherche
    Albrecht Ude (Journalist), Ulf Grüner (Journalist)

    Erkennen von Fälschungen in Bildern und Videos
    Sebastian Möricke-Kreutz (dpa)

    Es gibt ein Recht auf Dokumente! Nutzung von europäischen Informationsquellen
    Brigitte Alfter (nr)

    Archivieren von Recherchen Jürgen Sell (IT-Spezialist)

    Präsentation jetzt hier (Link zum Institut für Technik und Journalismus)

    Tags: Computer & Recherche

  • Journalismus & Recherche » Blog Archive » Fußballnetzwerke

    Ein sehr zeitgemäßer Beitrag kommt gerade von Haiko Lietz, Lesern von Journalismus & Recherche bekannt als Referent auf der CAR-Tagung in Hamburg zum Thema Social Network Analysis:

    Netzwerkanalyse ist eine journalistische Recherchemethode, die in der Mathematik und Soziologie beheimatet ist. Während die Methode im US-Journalismus bereits anfangsweise angewendet wird, wird in Deutschland meist noch über wissenschaftliche Netzwerkanalysen berichtet. Zwei aktuelle Berichte drehen sich um Fußball. Für die österreichischen Analysten von FAS research, deren Website immer einen Besuch wert ist, gehört die Analyse von Fußballspielen zur Öffentlichkeitsarbeit. Sie erhalten ihre Forschungsgelder von der Wirtschaft und dem Staat. Zum Spiel Argentinien gegen Elfenbeinküste fanden sie heraus:

    Da wie dort fand sich eine klassische Spitze (Crespo bzw. Drogba) und eine hängende Spitze (Saviola bzw. Kalou), die stärker in die reziproken Spielaktionen aus dem Mittelfeld heraus eingebunden war und den letzten, entscheidenden Pass spielen sollte.“

    Außerdem sei das Spiel der Argentinier robuster gewesen. Genaueres steht im österreichischen Standard. Im März bereits hatte das Handelsblatt unter dem Titel „Anpfiff zum Milliardenspiel“ über die Netzwerkanalyse des internationalen Fußballprofimarktes berichtet. Lothar Krempel vom Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung kann in einem einzigen Graphen klarmachen, welche Länder ihre Nationalspieler eher im Ausland oder im Inland spielen hat. Die Netzwerkanalyse ist eine neue Perspektive für den recherchierenden Journalismus.

    Tags: Beziehungsnetzwerk, CAR, Data Mining, Fußball, Netzwerk, Social Network, Social Network Analysis

  • Journalismus & Recherche » Forschungsministerium

    Wie geht man eigentlich mit so etwas um, wenn man mehr Zeit hat? Ich habe gerade keine, aber ein Bekannter hat mir eben die ominöse Studie aus Schavans Forschungsministerium zugeschickt, die Schavan angeblich zurückhält.

    Ich sage mir: Wenn ich die schon per Email bekomme, steht sie bestimmt sowieso schon im Netz, wird hoch und runtergetwittert und über Plattformen wie Slideshare verbreitet. Und ein PDF-Dokument, das mit „Zum vertraulichen Gebrauch“ gestempelt ist, das muss man doch einfach weiterverbreiten, Urheberrecht hin oder her.

    Also, hier ist es, das „Konzept für ein integriertes Energieforschungsprogramm für Deutschland“. Mit den brisanten Stellen, die die Atompolitik-Pläne Schavans und einer CDU-geführten Regierung ohne bremsenden Koalitionspartner offenbaren.