Millionenspendenjournalismus

In England nimmt jetzt ein durch eine Großspende über 2 Millionen Pfund finanziertes Journalistenbüro die Arbeit auf, berichtete die SZ am Freitag auf ihrer Medienseite (leider nicht online). Die Potter Foundation des Londoner Philantrophen-Ehepaars Elaine und David Potter habe das Geld lockergemacht, um die Einrichtung des Bureau of Investigative Journalism zu finanzieren, das Reporter bei Recherchen finanziell und ideell unterstützen soll.

„Das Ziel dieses Projekts ist es, investigativen Journalismus zu ermöglichen, der den höchsten ethischen Kriterien entspricht“, sagt Elaine Potter, die früher als Journalistin bei der Sunday Times arbeitete. Das gemeinnützige Bureau wird von den Leitern des Centre for Investigative Journalism an der Londoner City University betreut werden und kann auf die Mitarbeit prominenter Schreiber zählen. Unter anderem haben Nick Davies und der amerikanische Veteran Seymour Hersh ihre Hilfe zugesagt. „Das Bureau kann eine Vorbildfunktion für eine neue Art von Journalismus einnehmen“, glaubt Hersh. Der Internetkonzern Google will die Einrichtung mit Software und Trainingskursen unterstützen. In den kommenden Monaten sollen die ersten zwei Journalisten als Vollzeitkräfte eingestellt werden.

Vorbild dürfte das US-amerikanische Pendant Pro-Publica sein, ebenfalls aus Stiftungsmitteln und Spenden finanziert.

Mehrdeutig überschreibt die SZ den Bericht übrigens mit „Vorbildfunktion“: Vielleicht finden sich ja auch in Deutschland Nachahmer, die ein paar Millionen übrig haben?

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2 Responses to “Millionenspendenjournalismus”

  1. A.Ude Says:

    Jo, auch in Deutschland haben Leute Geld über:

    Dr. Wendelin Wiedeking, ehemals Porsche, wird „em Sozialfonds der Landespresse Baden-Württemberg e.V., der Stiftung der Hamburger Presse und dem Verein Kollegenhilfe niedersächsischer Journalisten e.V. je 500.000 Euro zukommen lassen“. Allerdings fördert er damit nicht den Journalismus, sondern Journalisten: „Die Spenden sollen entsprechend den jeweiligen Satzungszwecken der Unterstützung notleidender Journalisten im Alter dienen.“.

    Bemerkenswert ist das allemal, und den Kommentar von Christian Bommarius in der Berliner Zeitung finde ich unangemessen gallig.

  2. Jürg Vollmer Says:

    Schon zwei Monate vor diesem Posting (am 1. Juni 2009) und damit mehr als ein halbes Jahr vor dem Londoner Bureau of Investigative Journalism startete in Zürich der europäische Pionier des spendenfinanzierten Journalismus:

    http://www.maiak.info/ - The Newsroom of Eastern Europe

    - maiak vermittelt ein vielfarbiges und differenziertes Bild von Osteuropa – und gibt seine Inhalte honorarfrei an die Medien weiter.
    - maiak finanziert sich durch einen schweizerischen Trägerverein.
    - maiak ist der europäische Pionier des Funding Journalism für Hintergrundbeiträge, die sich die Medien nicht mehr leisten können.

    Das Budget von maiak beträgt im ersten Geschäftsjahr rund 150’000 Euro. Das ist im Vergleich zu den Millionen unseres amerikanischen Vorbildes ProPublica oder unserer britischen Kollegen nicht viel - aber wir gehen die Sache mit schweizerischer Bescheidenheit an:

    - Statt in teuren Büros im 23. Stock der One Exchange Plaza, 55 Broadway in New York „residiert“ maiak in einem schlichten Container-Büro an der Räffelstrasse 28 am Rande von Zürich.
    - Statt einen Stab von 32 fest angestellten Redakteuren zu bezahlen, wird maiak von einem einzigen fest angestellten Chefredakteur geleitet, der für jedes Thema die besten freien Autoren im deutschsprachigen Raum sucht und gut honoriert.
    - Statt Aufsehen erregenden Investigativ-Stories pflegt maiak unaufgeregte Hintergrundberichte.

    Keine „heissen“ Investigativ-Stories, sondern grundsolide Hintergrundgeschichten auf der Basis von ausführlichen Recherchen. Denn seien wir ehrlich, mit wenigen Ausnahmen gilt in deutschsprachigen (Tageszeitungs-)Redaktionen schon eine Woche Recherche als Luxus!

    Apropos Luxus: In der Schweiz leisten sich nur noch die Neue Zürcher Zeitung sowie Schweizer Radio und Fernsehen je einen Korrespondenten in Moskau. In Deutschlands Medien ist es (in Relation zur Grösse) auch nicht besser. Und diese Korrespondenten werden von der tagesaktuellen Agenda auf Trab gehalten. Deshalb gilt auch hier: Mit wenigen Ausnahmen sind in deutschsprachigen (Tageszeitungs-)Redaktionen Hintergrundberichte aus Osteuropa ein „Luxus“!

    maiak sorgt mit spendenfinanziertem Journalismus dafür, dass Hintergrundberichte aus Osteuropa nicht „Luxus“ sind, sondern für jede Redaktion eine Selbstverständlichkeit.

    Wir freuen uns über jede Auslandsredaktion, die kostenlos unsere Hintergrundberichte mit Fotos verwendet, die mit spendenfinanziertem Journalismus finanziert werden!